Die Götter im Exil

aus Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden, hg. von Hans Kaufmann, 2. Auflage,
Berlin und Weimar: Aufbau, 1972. Bd. 7, S. 57

français

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Aber ach! lieber Leser, der arme Fischer,
von welchem wir berichten,
war keineswegs wie du in der Mythologie be-
wandert, er hatte gar keine archäologischen Studien
gemacht, und er war von Schrecken und Angst ergrif-
fen bei dem Anblick jenes schönen Triumphators mit
seinen zwei wunderlichen Akoluthen, als sie ihrer
Mönchstracht entsprungen; er schauderte ob der un-
züchtigen Gebärden und Sprünge der Bacchanten, der
Faunen, der Satyre, die ihm durch ihre Bocksfüße und
Hörner ganz besonders diabolisch erschienen, und die
gesamte Sozietät hielt er für einen Kongreß von Ge-
spenstern und Dämonen, welche durch ihre Malefi-
zien allen Christenmenschen Verderben zu bereiten
suche. Das Haar sträubte sich auf seinem Haupte, als
er die halsbrechend unmögliche Positur einer Mänade
sah, die mit flatterndem Haar das Haupt zurückwarf
und sich nur durch den Thyrsus im Gleichgewicht er-
hielt. Ihm selber, dem armen Schiffer, ward es wirr im
Hirn, als er hier Korybanten erblickte, die mit den
kurzen Schwertern ihrem eigenen Leibe Wunden bei-
brachten, tobsüchtig die Wollust suchend in dem
Schmerze selbst. Die weichen, zärtlichen und doch
zugleich grausamen Töne der Musik, die er vernahm,
drangen in sein Gemüt wie Flammen, lodernd, ver-
zehrend, grauenhaft. Aber als der arme Mensch jenes
verrufene ägyptische Symbol erblickte, das in über-
triebener Größe und bekränzt mit Blumen von einem
schamlosen Weibe auf einer hohen Stange herumge-
tragen wurde: da verging ihm Hören und Sehen - und
er stürzte nach seinem Kahne zurück und verkroch
sich unter die Netze, zähneklappernd und zitternd, als
hielte ihn Satan bereits an einem Fuße fest. Nicht
lange darauf kamen die drei Mönche ebenfalls nach
dem Kahne zurück und stießen ab. Als sie endlich am
andern Seeufer landeten und ausstiegen, wußte der Fi-
scher so geschickt seinem Versteck zu entschlüpfen,
daß die Mönche meinten, er habe hinter den Weiden
ihrer geharrt, und indem ihm einer von ihnen wieder
mit eiskalten Fingern den Fährlohn in die Hand
drückte, eilten sie stracks von hinnen.
Sowohl seines eigenen Seelenheils wegen, das er
gefährdet glaubte, als auch, um andere Christenmen-
schen vor Verderben zu bewahren, hielt sich der Fi-
scher für verpflichtet, das unheimliche Begebnis dem
geistlichen Gerichte anzuzeigen, und da der Superior
eines nahe gelegenen Franziskanerklosters als Vorsit-
zer eines solchen Gerichtes und ganz besonders als
gelahrter Exorzist in großem Ansehen stand, beschloß
er, sich unverzüglich zu ihm zu begeben. Die Früh-
sonne fand daher den Fischer schon auf dem Wege
nach dem Kloster, und demütigen Blickes stand er
bald vor Seiner Hochwürden, dem Superior, der in
seiner Bücherei, die Kapuze weit übers Gesicht gezo-
gen, in einem Lehnsessel saß und in dieser
nachdenklichen Positur sitzen blieb, während ihm der
Fischer die grausenhafte Historie erzählte. Als dersel-
be mit dieser Relation zu Ende war, erhob der Superi-
or sein Haupt, und indem die Kapuze zurückfiel, sah
der Fischer mit Bestürzung, daß Seine Hochwürden
einer von den drei Mönchen war, die jährlich über den
See fuhren, und er erkannte in ihm eben denjenigen,
den er diese Nacht als heidnischen Dämon auf dem
Siegeswagen mit dem Löwengespann gesehen: es war
dasselbe marmorblasse Gesicht, dieselben regelmäßig
schönen Züge, derselbe Mund mit den zärtlich ge-
wölbten Lippen - Und um diese Lippen schwebte ein
wohlwollendes Lächeln, und diesem Munde entquol-
len jetzt die sanftklingenden salbungsreichen Worte:
»Geliebter Sohn in Christo! wir glauben herzlich
gern, daß Ihr diese Nacht in der Gesellschaft des Got-
tes Bacchus zugebracht habt, und Eure phantastische
Spukgeschichte gibt dessen hinlänglich Kunde. Wir
wollen beileibe nichts Unliebiges von diesem Gotte
sagen, er ist gewiß manchmal ein Sorgenbrecher und
erfreut des Menschen Herz, aber er ist sehr gefährlich
für diejenigen, die nicht viel vertragen können, und zu
diesen scheint Ihr zu gehören. Wir raten Euch daher,
hinfüro nur mit Maß des goldenen Rebensaftes zu ge-
nießen und mit den Hirngeburten der Trunkenheit die
geistlichen Obrigkeiten nicht mehr zu behelligen und
auch von Eurer letzten Vision zu schweigen, ganz das
Maul zu halten, widrigenfalls Euch der weltliche Arm
des Büttels fünfundzwanzig Peitschenhiebe aufzählen
soll. Jetzt aber, geliebter Sohn in Christo, geht in die
Klosterküche, wo Euch der Bruder Kellermeister und
der Bruder Küchenmeister einen Imbiß vorsetzen sol-
len.«
Hiermit gab der geistliche Herr dem Fischer seinen
Segen, und als sich dieser verblüfft nach der Küche
trollte und den Frater Küchenmeister und den Frater
Kellermeister erblickte, fiel er fast zu Boden vor
Schrecken - denn diese beiden waren die zwei nächt-
lichen Gefährten des Superiors, die zwei Mönche, die
mit demselben über den See gefahren, und der Fischer
erkannte den Dickwanst und die Glatze des einen
ebenso wie die grinsend geilen Gesichtszüge nebst
den Bocksohren des andern. Doch hielt er reinen
Mund, und erst in spätern Jahren erzählte er die Ge-
schichte seinen Angehörigen.
Alte Chroniken, welche ähnliche Sagen erzählen,
verlegen den Schauplatz nach Speier am Rhein.
An der ostfriesischen Küste herrscht eine analoge
Tradition, worin die altheidnischen Vorstellungen von
der Überfahrt der Toten nach dem Schattenreiche,
welche allen jenen Sagen zugrunde liegen, am deut-
lichsten hervortreten. Von einem Charon, der die
Barke lenkt, ist zwar nirgend darin die Rede, wie
denn überhaupt dieser alte Kauz sich nicht in der
Volkssage, sondern nur im Puppenspiele erhalten hat;
aber eine weit wichtigere mythologische Personnage
erkennen wir in dem sogenannten Spediteur, der die
Überfahrt der Toten besorgt und der dem Fährmann,
welcher des Charons Amt verrichtet und ein gewöhn-
licher Fischer ist, das herkömmliche Fährgeld aus,
zahlt. Trotz ihrer barocken Vermummung werden wir
den wahren Namen jener Person bald erraten, und ich
will daher die Tradition selbst so getreu als möglich
hier mitteilen:
In Ostfriesland, an der Küste der Nordsee, gibt es
Buchten, die gleichsam kleine Hafen bilden und Siele
heißen. An den äußersten Vorsprüngen derselben
steht das einsame Haus irgendeines Fischers, der hier
mit seiner Familie ruhig und genügsam lebt. Die
Natur ist dort traurig, kein Vogel pfeift, außer den
Seemöwen, welche manchmal mit einem fatalen Ge-
kreische aus den Sandnestern der Dünen hervorfliegen
und Sturm verkünden. Das monotone Geplätscher der
brandenden See paßt sehr gut zu den düstern Wolken-
zügen. Auch die Menschen singen hier nicht, und an
dieser melancholischen Küste hört man nie die Stro-
phe eines Volksliedes. Die Menschen hierzulande
sind ernst, ehrlich, mehr vernünftig als religiös und
stolz auf den kühnen Sinn und auf die Freiheit ihrer
Altvordern. Solche Leute sind nicht phantastisch
aufregbar und grübeln nicht viel. Die Hauptsache für
den Fischer, der auf seinem einsamen Siel wohnt, ist
der Fischfang und dann und wann das Fährgeld der
Reisenden, die nach einer der umliegenden Inseln der
Nordsee übergesetzt sein wollen. Zu einer bestimmten
Zeit des Jahres, heißt es, just um die Mittagsstunde,
wo eben der Fischer mit seiner Familie, das Mittags-
mahl verzehrend, zu Tische sitzt, tritt ein Reisender in
die große Wohnstube und bittet den Hausherrn, ihm
einige Augenblicke zu vergönnen, um ein Geschäft
mit ihm zu besprechen. Der Fischer, nachdem er den
Gast vergeblich gebeten, vorher an der Mahlzeit teil-
zunehmen, erfüllt am Ende dessen Begehr, und beide
treten beiseite an ein Erkertischchen. Ich will das
Aussehen des Fremden nicht lange beschreiben in
müßiger Novellistenweise; bei der Aufgabe, die ich
mir gestellt, genügt ein genaues Signalement. Ich be-
merke also folgendes: Der Fremde ist ein schon be-
jahrtes, aber doch wohlkonserviertes Männchen, ein
jugendlicher Greis, gehäbig, aber nicht fett, die
Wänglein rot wie Borsdorfer Äpfel, die Äuglein lustig
nach allen Seiten blinzelnd, und auf dem gepuderten
Köpfchen sitzt ein dreieckiges Hütlein. Unter einer
hellgelben Houppelande mit unzähligen Krägelchen
trägt der Mann die altmodische Kleidung, die wir auf
Porträten holländischer Kaufleute finden und welche
eine gewisse Wohlhabenheit verrät: ein seidenes
papageigrünes Röckchen, blumengestickte Weste,
kurze schwarze Höschen, gestreifte Strümpfe und
Schnallenschuhe; letztere sind so blank, daß man
nicht begreift, wie jemand durch den Schlamm der
Sielwege zu Fuße so unbeschmutzt hergelangen konn-
te. Seine Stimme ist asthmatisch, feindrähtig und
manchmal ins Greinende überschlagend, doch der
Vortrag und die Haltung des Männleins ist gravitä-
tisch gemessen, wie es einem holländischen Kauf-
mann ziemt. Diese Gravität scheint jedoch mehr er-
künstelt als natürlich zu sein, und sie kontrastiert
manchmal mit dem forschsamen Hin- und Herlugen
der Äuglein sowie auch mit der schlecht unterdrück-
ten flatterhaften Beweglichkeit der Beine und Arme.
Daß der Fremde ein holländischer Kaufmann ist, be-
zeugt nicht bloß seine Kleidung, sondern auch die
merkantilische Genauigkeit und Umsicht, womit er
das Geschäft so vorteilhaft als möglich für seinen
Kommittenten abzuschließen weiß. Er ist nämlich,
wie er sagt, Spediteur und hat von einem seiner Han-
delsfreunde den Auftrag erhalten, eine bestimmte An-
zahl Seelen, soviel in einer gewöhnlichen Barke
Raum fänden, von der ostfriesischen Küste nach der
Weißen Insel zu fördern; zu diesem Behufe nun, fährt
er fort, möchte er wissen, ob der Schiffer diese Nacht
die erwähnte Ladung mit seiner Barke nach der er-
wähnten Insel übersetzen wolle, und für diesen Fall
sei er erbötig, ihm das Fährgeld gleich
vorauszuzahlen, zuversichtlich hoffend, daß er aus
christlicher Bescheidenheit seine Forderung recht bil-
lig stellen werde. Der holländische Kaufmann (dieses
ist eigentlich ein Pleonasmus, da jeder Holländer
Kaufmann ist) macht diesen Antrag mit der größten
Unbefangenheit, als handle es sich von einer Ladung
Käse und nicht von Seelen der Verstorbenen. Der Fi-
scher stutzt einigermaßen bei dem Wort Seelen, und
es rieselt ihm ein bißchen kalt über den Rücken, da er
gleich merkt, daß von den Seelen der Verstorbenen
die Rede sei und daß er den gespenstischen Holländer
vor sich habe, der so manchen seiner Kollegen die
Überfahrt der verstorbenen Seelen anvertraute und gut
dafür bezahlte. Wie ich jedoch oben bemerkt, diese
ostfriesischen Küstenbewohner sind mutig und ge-
sund und nüchtern, und es fehlt ihnen jene Kränklich-
keit und Einbildungskraft, welche uns für das Ge-
spenstische und Übersinnliche empfänglich macht:
unsres Fischers geheimes Grauen dauert daher nur
einen Augenblick; seine unheimliche Empfindung un-
terdrückend, gewinnt er bald seine Fassung, und mit
dem Anschein des größten Gleichmuts ist er nur dar-
auf bedacht, das Fährgeld so hoch als möglich zu stei-
gern. Doch nach einigem Feilschen und Dingen ver-
ständigen sich beide Kontrahenten über den Fahrlohn,
sie geben einander den Handschlag zur Bekräftigung
der Übereinkunft, und der Holländer, welcher einen
schmutzigen ledernen Beutel hervorzieht, angefüllt
mit lauter ganz kleinen Silberpfennigen, den klein-
sten, die je in Holland geschlagen worden, zahlt die
ganze Summe des Fahrgelds in dieser putzigen Münz-
sorte. Indem er dem Fischer noch die Instruktion gibt,
gegen Mitternacht, zur Zeit, wo der Mond aus den
Wolken hervortreten würde, sich an einer bestimmten
Stelle der Küste mit seiner Barke einzufinden, um die
Ladung in Empfang zu nehmen, verabschiedet er sich
bei der ganzen Familie, welche vergebens ihre Einla-
dung zum Mitspeisen wiederholte, und die eben noch
so gravitätische Figur trippelt mit leichtfüßigen
Schritten von dannen.
Um die bestimmte Zeit befindet sich der Schiffer an
dem bestimmten Orte mit seiner Barke, die anfangs
von den Wellen hin und her geschaukelt wird; aber
nachdem der Vollmond sich gezeigt, bemerkt der
Schiffer, daß sein Fahrzeug sich minder leicht bewegt
und immer tiefer in die Flut einsinkt, so daß am Ende
das Wasser nur noch eine Handbreit vom Rand ent-
fernt bleibt. Dieser Umstand belehrt ihn, daß seine
Passagiere, die Seelen, jetzt an Bord sein müssen, und
er stößt ab mit seiner Ladung. Er mag noch so sehr
seine Augen anstrengen, doch bemerkt er im Kahne
nichts als einige Nebelstreifen, die sich hin und her
bewegen, aber keine bestimmte Gestalt annehmen und
ineinander verquirlen. 

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