Die Götter im Exil

aus Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden, hg. von Hans Kaufmann, 2. Auflage,
Berlin und Weimar: Aufbau, 1972. Bd. 7, S. 57

français

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Niels Andersen schüttelte sonderbar den Kopf; er
leugnete nicht, daß er selber zuweilen gesehen, wie
die Walfische, an einer Eiswand stehend, solche Be-
wegungen machten, nicht unähnlich denjenigen, die
wir in den Betstuben mancher Glaubenssekten bemer-
ken; aber er wollte solches keineswegs irgendeiner re-
ligiösen Andacht zuschreiben. Er erklärte die Sache
physiologisch: er bemerkte, daß der Walfisch, der
Chimborasso der Tiere, unter seiner Haut eine so un-
geheuer tiefe Schichte von Fett besitze, daß oft ein
einziger Walfisch hundert bis hundertundfunfzig Fäs-
ser Talg und Tran gebe. Jene Fettschichte sei so dick,
daß sich viele hundert Wasserratten darin einnisten
können, während das große Tier auf einer Eisscholle
schliefe, und diese Gäste, unendlich größer und bissi-
ger als unsre Landratten, führen dann ein fröhliches
Leben unter der Haut des Walfisches, wo sie Tag und
Nacht das beste Fett verschmausen können, ohne das
Nest zu verlassen. Diese Schmausereien mögen wohl
am Ende dem unfreiwilligen Wirte etwas überlästig,
ja unendlich schmerzhaft werden; da er nun keine
Hände hat, wie der Mensch, der sich gottlob kratzen
kann, wenn es ihn juckt, so sucht er die innere Qual
dadurch zu lindern, daß er sich an die scharfen Kanten
einer Eiswand stellt und daran den Rücken durch Auf
und Niederbewegungen recht inbrünstiglich reibt,
ganz wie bei uns die Hunde sich an einer Bettstelle zu
scheuern pflegen, wenn sie mit zuviel Flöhen behaftet
sind. Diese Bewegungen hat nun der ehrliche Domine
für die eines Beters gehalten und sie der religiösen
Andacht zugeschrieben, während sie doch nur durch
die Rattenorgien hervorgebracht wurden. »Der Wal-
fisch, soviel Tran er auch enthält«, schloß Niels An-
dersen, »ist doch ohne den mindesten religiösen Sinn.
Er ehrt weder die Heiligen noch die Propheten, und
sogar den kleinen Propheten Jonas, den solch ein
Walfisch einmal aus Versehen verschluckte, konnte er
nimmermehr verdauen, und nach dreien Tagen spuck-
te er ihn wieder aus. Das vortreffliche Ungeheuer hat
leider keine Religion, und so ein Walfisch verehrt un-
sern wahren Herrgott, der droben im Himmel wohnt,
ebensowenig wie den falschen Heidengott, der fern
am Nordpol auf der Kanincheninsel sitzt, wo er den-
selben zuweilen besucht.«
»Was ist das für ein Ort, die Kanincheninsel?«
fragte ich unsern Niels Andersen. Dieser aber trom-
melte mit seinem Holzbein auf der Tonne und erwi-
derte: »Das ist eben die Insel, wo die Geschichte pas-
siert, die ich zu erzählen habe. Die eigentliche Lage
der Insel kann ich nicht genau angeben. Niemand
konnte, seit sie entdeckt worden, wieder zu ihr gelan-
gen; solches verhinderten die ungeheuern Eisberge,
die sich um die Insel türmen und vielleicht nur selten
eine Annäherung erlauben. Nur die Schiffsleute eines
russischen Walfischjägers, welche einst die Nord-
stürme so hoch hinauf verschlugen, betraten den
Boden der Insel, und seitdem sind schon hundert
Jahre verflossen. Als jene Schiffsleute mit einem
Kahn dort landeten, fanden sie die Insel ganz wüst
und öde. Traurig bewegten sich die Halme des Gin-
sters über dem Flugsand; nur hie und da standen eini-
ge Zwergtannen, oder es krüppelte am Boden das un-
fruchtbarste Buschwerk. Eine Menge Kaninchen
sahen sie umherspringen, weshalb sie dem Orte den
Namen Kanincheninsel erteilten. Nur eine einzige
ärmliche Hütte gab Kunde, daß ein menschliches
Wesen dort wohnte. Als die Schiffer hineintraten, er-
blickten sie einen uralten Greis, der, kümmerlich be-
kleidet mit zusammengeflickten Kaninchenfellen, auf
einem Steinstuhl vor dem Herde saß und an dem
flackernden Reisig seine magern Hände und schlot-
ternden Knie wärmte. Neben ihm zur Rechten stand
ein ungeheuer großer Vogel, der ein Adler zu sein
schien, den aber die Zeit so unwirsch gemausert hatte,
daß er nur noch die langen struppigen Federkiele sei-
ner Flügel behalten, was dem nackten Tiere ein
höchst närrisches und zugleich grausenhaft häßliches
Aussehen verlieh. Zur linken Seite des Alten kauerte
am Boden eine außerordentlich große, haarlose Ziege,
die sehr alt zu sein schien, obgleich noch volle
Milcheutern mit rosig frischen Zitzen an ihrem Bau-
che hingen.
Unter den russischen Seeleuten, welche auf der
Kanincheninsel landeten, befanden sich mehrere Grie-
chen, und einer derselben glaubte nicht von dem
Hausherrn der Hütte verstanden zu werden, als er in
griechischer Sprache zu einem Kameraden sagte:
›Dieser alte Kauz ist entweder ein Gespenst oder ein
böser Dämon.‹ Aber bei diesen Worten erhub sich der
Alte plötzlich von seinem Steinsitz, und mit großer
Verwunderung sahen die Schiffer eine hohe, stattliche
Gestalt, die sich trotz dem hohen Alter mit gebieten-
der, schier königlicher Würde aufrecht hielt und bei-
nahe die Balken des Gesimses mit dem Haupte be-
rührte; auch die Züge desselben, obgleich verwüstet
und verwittert, zeugten von ursprünglicher Schönheit,
sie waren edel und streng gemessen, sehr spärlich
fielen einige Silberhaare auf die von Stolz und Alter
gefurchte Stirn, die Augen blickten bleich und stier,
aber doch stechend, und dem hoch aufgeschürzten
Munde entquollen in altertümlich griechischem Dia-
lekt die wohllautenden und klangvollen Worte: ›Ihr
irrt Euch, junger Mensch, ich bin weder ein Gespenst
noch ein böser Dämon; ich bin ein Unglücklicher,
welcher einst bessere Tage gesehen. Wer aber seid
Ihr?‹
Die Schiffer erzählten nun dem Manne das Mißge-
schick ihrer Fahrt und verlangten Auskunft über alles,
was die Insel beträfe. Die Mitteilungen fielen aber
sehr dürftig aus. Seit undenklicher Zeit, sagte der
Alte, bewohne er die Insel, deren Bollwerke von Eis
ihm gegen seine unerbittlichen Feinde eine sichere
Zuflucht gewährten. Er lebe hauptsächlich vom Ka-
ninchenfange, und alle Jahr, wenn die treibenden Eis-
massen sich gesetzt, kämen auf Schlitten einige Hau-
fen Wilde, denen er seine Kaninchenfelle verkaufe
und die ihm als Zahlung allerlei Gegenstände des un-
mittelbarsten Bedürfnisses überließen. Die Walfische,
welche manchmal an die Insel heranschwämmen,
seien seine liebste Gesellschaft. Dennoch mache es
ihm Vergnügen, jetzt wieder seine Muttersprache zu
reden, denn er sei ein Grieche; er bat auch seine
Landsleute, ihm einige Nachrichten über die jetzigen
Zustände Griechenlands zu erteilen. Daß von den Zin-
nen der Türme der griechischen Städte das Kreuz ab-
gebrochen worden, verursachte dem Alten augen-
scheinlich eine boshafte Freude; doch war es ihm
nicht ganz recht, als er hörte, daß an seiner Stelle der
Halbmond jetzt aufgepflanzt steht. Sonderbar war es,
daß keiner der Schiffer die Namen der Städte kannte,
nach welchen der Alte sich erkundigte und die nach
seiner Versicherung zu seiner Zeit blühend gewesen;
in gleicher Weise waren ihm die Namen fremd, die
den heutigen Städten und Dörfern Griechenlands von
den Seeleuten erteilt wurden. Der Greis schüttelte des-
halb oft wehmütig das Haupt, und die Schiffer sahen
sich verwundert an. Sie merkten, daß er alle
Örtlichkeiten Griechenlands ganz genau kannte, und
in der Tat, er wußte die Buchten, die Erdzungen, die
Vorsprünge der Berge, oft sogar den geringsten Hügel
und die kleinsten Felsengruppen so bestimmt und an-
schaulich zu beschreiben, daß seine Unkenntnis der
gewöhnlichsten Ortsnamen die Schiffer in das größte
Erstaunen setzte. So befrug er sie mit besonderm In-
teresse, ja mit einer gewissen Ängstlichkeit, nach
einem alten Tempel, der, wie er versicherte, zu seiner
Zeit der schönste in ganz Griechenland gewesen sei.
Doch keiner der Zuhörer kannte den Namen, den er
mit Zärtlichkeit aussprach, bis endlich, nachdem der
Alte die Lage des Tempels wieder ganz genau ge-
schildert hatte, ein junger Matrose nach der Beschrei-
bung den Ort erkannte, wovon die Rede war.
Das Dorf, wo er geboren, sagte der junge Mensch,
sei eben an jenem Orte gelegen, und als Knabe habe
er auf dem beschriebenen Platze lange Zeit die
Schweine seines Vaters gehütet. Auf jener Stelle, sagt
er, fänden sich wirklich die Trümmer uralter Bauwer-
ke, welche von untergegangener Pracht zeugten; nur
hie und da ständen noch aufrecht einige große Mar-
morsäulen, entweder einzeln oder oben verbunden
durch die Quadern eines Giebels, aus dessen Brüchen
blühende Ranken von Geißblatt und roten Glocken-
blumen, wie Haarflechten, herabfielen. Andre Säulen,
darunter manche von rosigem Marmor, lägen
gebrochen auf dem Boden, und das Gras wuchere
über die kostbaren Knäufe, die aus schön
gemeißeltem Blätter und Blumenwerk beständen.
Auch große Marmorplatten, viereckige Wand oder
dreieckige Dachstücke steckten dort halbversunken in
der Erde, überragt von einem ungeheuer großen wil-
den Feigenbaum, der aus dem Schutte hervorgewach-
sen. Unter dem Schatten dieses Baumes, fahr der Bur-
sche fort, habe er oft ganze Stunden zugebracht, um
die sonderbaren Figuren zu betrachten, die auf den
großen Steinen in runder Bildhauerarbeit konterfeit
waren und allerlei Spiele und Kämpfe vorstellten, gar
lieblich und lustig anzusehen, aber leider auch viel-
fach zerstört von der Witterung oder über, wachsen
von Moos und Efeu. Sein Vater, den er um die ge-
heimnisvolle Bedeutung jener Säulen und Bildwerke
befragte, sagte ihm einst, daß dieses die Trümmer
eines alten Tempels wären, worin ehemals ein ver-
ruchter Heidengott gehaust, der nicht bloß die
nackteste Liederlichkeit, sondern auch unnatürliche
Laster und Blutschande getrieben; die blinden Heiden
hätten aber dennoch, ihm zu Ehren, vor seinem Altar
manchmal hundert Ochsen auf einmal geschlachtet;
der ausgehöhlte Marmorblock, worin das Blut der
Opfer geflossen, sei dort noch vorhanden, und es sei
eben jener Steintrog, den er, sein Sohn, zuweilen dazu
benutze, mit dem darin gesammelten Regenwasser
seine Schweine zu tränken oder darin allerlei Abfall
für ihre Atzung aufzubewahren.
So sprach der junge Mensch. Aber der Greis stieß
jetzt einen Seufzer aus, der den ungeheuersten
Schmerz verriet; gebrochen sank er nieder auf seinen
Steinstuhl, bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen
und weinte wie ein Kind. Der große Vogel kreischte
entsetzlich, spreizte weit aus seine ungeheuern Flügel
und bedrohte die Fremden mit Krallen und Schnabel.
Die alte Ziege jedoch leckte ihres Herrn Hände und
meckerte traurig und wie besänftigend.
Ein unheimliches Mißbehagen ergriff die Schiffer
bei diesem Anblick, sie verließen schleunig die Hütte
und waren froh, als sie das Geschluchze des Greises,
das Gekreisch des Vogels und das Ziegengemecker
nicht mehr vernahmen. Zurückgekehrt an Bord des
Schiffes, erzählten sie dort ihr Abenteuer. Aber unter
der Schiffsmannschaft befand sich ein russischer Ge-
lehrter, Professor bei der Philosophischen Fakultät
der Universität zu Kasan, und dieser erklärte die Be-
gebenheit für höchst wichtig; den Zeigefinger pfiffig
an die Nase legend, versicherte er den Schiffern: Der
Greis auf der Kanincheninsel sei unstreitig der alte
Gott Jupiter, Sohn des Saturn und der Rhea, der ehe-
malige König der Götter. Der Vogel an seiner Seite
sei augenscheinlich der Adler, der einst die fürchterli-
chen Blitze in seinen Krallen trug. Und die alte Ziege
könne, aller Wahrscheinlichkeit nach, keine andre
Person sein als die Althea, die alte Amme, die den
Gott bereits auf Kreta säugte und jetzt im Exil wieder
mit ihrer Milch ernähre.«
So erzählte Niels Andersen, und ich gestehe, diese
Mitteilung erfüllte meine Seele mit Wehmut. Schon
die Aufschlüsse über das geheime Leid der Walfische
erregte mein Mitgefühl. Arme große Bestie! Gegen
das schnöde Rattengesindel, das sich bei dir eingeni-
stet und unaufhörlich an dir nagt, gibt es keine Hülfe,
und du mußt es lebenslang mit dir schleppen; und
rennst du auch verzweiflungsvoll vom Nordpol zum
Südpol und reibst dich an seinen Eiskanten - es hilft
dir nichts, du wirst sie nicht los, die schnöden Ratten,
und dabei fehlt dir der Trost der Religion! An jeder
Größe auf dieser Erde nagen die heimlichen Ratten,
und die Götter selbst müssen am Ende schmählich zu-
grunde gehen. So will es das eiserne Gesetz des Fa-
tums, und selbst der Höchste der Unsterblichen muß
demselben schmachvoll sein Haupt beugen. Er, den
Homer besungen und Phidias abkonterfeit in Gold
und Elfenbein; er, der nur mit den Augen zu zwinkern
brauchte, um den Erdkreis zu erschüttern; er, der
Liebhaber von Leda, Alkmene, Semele, Danae, Kalli-
sto, Jo, Leto, Europa etc. - er muß am Ende am
Nordpol sich hinter Eisbergen verstecken und, um
sein elendes Leben zu fristen, mit Kaninchenfellen
handeln wie ein schäbiger Savoyarde!
Ich zweifle nicht, daß es Leute gibt, die sich scha-
denfroh an solchem Schauspiel laben. Diese Leute
sind vielleicht die Nachkommen jener unglücklichen
Ochsen, die als Hekatomben auf den Altären Jupiters
geschlachtet wurden - Freut euch, gerächt ist das Blut
eurer Vorfahren, jener armen Schlachtopfer des Aber-
glaubens! Uns aber, die wir von keinem Erbgroll be-
fangen sind, uns erschüttert der Anblick gefallener
Größe, und wir widmen ihr unser frömmigstes Mit-
leid. Diese Empfindsamkeit verhinderte uns vielleicht,
unsrer Erzählung jenen kalten Ernst zu verleihen, der
eine Zierde des Geschichtschreibers ist; nur einiger-
maßen vermochten wir uns jener Gravität zu beflei-
ßen, die man nur in Frankreich erlangen kann. Be-
scheidentlich empfehlen wir uns der Nachsicht des
Lesers, für welchen wir immer die höchste Ehrfurcht
bezeugten, und somit schließen wir hier die erste Ab-
teilung unserer Geschichte der Götter im Exil.

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