Kapitel
IV-VI
Kapitel IV
Als ich einst an einem schönen Frühlingstage unter
den Berliner Linden spazierenging, wandelten vor mir
zwei Frauenzimmer, die lange schwiegen, bis endlich
die eine schmachtend aufseufzte: »Ach, die jrine
Beeme!«, worauf die andre, ein junges Ding, mit nai-
ver Verwundrung fragte: »Mutter, was gehn Ihnen die
jrine Beeme an?«
Ich kann nicht umhin zu bemerken, daß beide Per-
sonen zwar nicht in Seide gekleidet gingen, jedoch
keineswegs zum Pöbel gehörten, wie es denn Über-
haupt in Berlin keinen Pöbel gibt, außer etwa in den
höchsten Ständen. Was aber jene naive Frage selbst
betrifft, so kommt sie mir nie aus dem Gedächtnisse.
Überall, wo ich unwahre Naturempfindung und der-
gleichen grüne Lügen ertappe, lacht sie mir ergötzlich
durch den Sinn. Auch bei der Deklamation des Mar-
chese wurde sie in mir laut, und den Spott auf meinen
Lippen erratend, rief er verdrießlich: »Stören Sie mich
nicht - Sie haben keinen Sinn für reine Natürlichkeit
- Sie sind ein zerrissener Mensch, ein zerrissenes
Gemüt, sozusagen ein Byron.«
Lieber Leser, gehörst du vielleicht zu jenen from-
men Vögeln, die da einstimmen in das Lied von byro-
nischer Zerrissenheit, das mir schon seit zehn Jahren,
in allen Weisen, vorgepfiffen und vorgezwitschert
worden und sogar im Schädel des Marchese, wie du
oben gehört hast, sein Echo gefunden? Ach, teurer
Leser, wenn du über jene Zerrissenheit klagen willst,
so beklage lieber, daß die Welt selbst mitten entzwei-
gerissen ist. Denn da das Herz des Dichters der Mit-
telpunkt der Welt ist, so mußte es wohl in jetziger
Zeit jämmerlich zerrissen werden. Wer von seinem
Herzen rühmt, es sei ganz geblieben, der gesteht nur,
daß er ein prosaisches, weitabgelegenes Winkelherz
hat. Durch das meinige ging aber der große Weltriß,
und eben deswegen weiß ich, daß die großen Götter
mich vor vielen anderen hoch begnadigt und des
Dichtermärtyrtums würdig geachtet haben.
Einst war die Welt ganz, im Altertum und im Mit-
telalter, trotz der äußeren Kämpfe gab's doch noch
immer eine Welteinheit, und es gab ganze Dichter.
Wir wollen diese Dichter ehren und uns an ihnen er-
freuen; aber jede Nachahmung ihrer Ganzheit ist eine
Lüge, eine Lüge, die jedes gesunde Auge durchschaut
und die dem Hohne dann nicht entgeht. Jüngst, mit
vieler Mühe, verschaffte ich mir in Berlin die Gedich-
te eines jener Ganzheitdichter, der über meine
byronische Zerrissenheit so sehr geklagt, und bei den
erlogenen Grünlichkeiten, den zarten Naturgefühlen,
die mir da, wie frisches Heu, entgegendufteten, wäre
mein armes Herz, das schon hinlänglich zerrissen ist,
fast auch vor Lachen geborsten, und unwillkürlich rief
ich: »Mein lieber Herr Intendanturrat Wilhelm Neu-
mann, was gehn Ihnen die jrine Beeme an?«
»Sie sind ein zerrissener Mensch, sozusagen ein
Byron« - wiederholte der Marchese, sah noch immer
verklärt hinab ins Tal, schnalzte zuweilen mit der
Zunge am Gaumen vor andächtiger Bewunderung -
»Gott! Gott! alles wie gemalt!«
Armer Byron! solches ruhige Genießen war dir
versagt! War dein Herz so verdorben, daß du die
Natur nur sehen, ja sogar schildern, aber nicht von ihr
beseligt werden konntest? Oder hat Bishy Shelley
recht, wenn er sagt, du habest die Natur in ihrer keu-
schen Nacktheit belauscht und wurdest deshalb, wie
Aktäon, von ihren Hunden zerrissen!
Genug davon; wir kommen zu einem besseren Ge-
genstande, nämlich zu Signora Lätitias und Fran-
scheskas Wohnung, einem kleinen weißen Gebäude,
das gleichsam noch im Negligé zu sein scheint und
vorn zwei große runde Fenster hat, vor welchen die
hochaufgezogenen Weinstöcke ihre langen Ranken
herabhängen lassen, daß es aussieht, als fielen grüne
Haare in lockiger Fülle über die Augen des Hauses.
An der Türe schon klingt es uns bunt entgegen, wir-
belnde Triller, Gitarrentöne und Gelächter.
Kapitel
V
Signora Lätitia, eine funfzigjährige junge Rose, lag
im Bette und trillerte und schwatzte mit ihren beiden
Galans, wovon der eine auf einem niedrigen Schemel
vor ihr saß und der andre, in einem großen Sessel leh-
nend, die Gitarre spielte. Im Nebenzimmer flatterten
dann und wann ebenfalls die Fetzen eines süßen Lie-
des oder eines noch wundersüßeren Lachens. Mit
einer gewissen wohlfeilen Ironie, die den Marchese
zuweilen anwandelte, präsentierte er mich der Signora
und den beiden Herren und bemerkte dabei, ich sei
derselbe Johann Heinrich Heine, Doktor juris, der
jetzt in der deutschen juristischen Literatur berühmt
sei. Zum Unglück war der eine Herr ein Professor aus
Bologna, und zwar ein Jurist, obgleich sein wohlge-
wölbter, runder Bauch ihn eher zu einer Anstellung
bei der sphärischen Trigonometrie zu qualifizieren
schien. Einigermaßen in Verlegenheit gesetzt, be-
merkte ich, daß ich nicht unter meinem eigenen
Namen schriebe, sondern unter dem Namen Jarcke;
und das sagte ich aus Bescheidenheit, in dem mir zu-
fällig einer der wehmütigsten Insektennamen unserer
juristischen Literatur ins Gedächtnis kam. Der Bolo-
gneser beklagte zwar, diesen berühmten Namen noch
nicht gehört zu haben - welches auch bei dir, lieber
Leser, der Fall sein wird -, doch zweifelte er nicht,
daß er bald seinen Glanz über die ganze Erde verbrei-
ten werde. Dabei lehnte er sich zurück in seinem Ses-
sel, griff einige Akkorde auf der Gitarre und sang aus
»Axur«:
»O mächtiger Brahma!
Ach, laß dir das Lallen
Der Unschuld gefallen,
Das Lallen, das Lallen -«
Wie ein lieblich neckendes Nachtigallecho schmet-
terte im Nebenzimmer eine ähnliche Melodie. Signora
Lätitia aber trillerte dazwischen im feinsten Diskant:
»Dir allein glüht diese Wange,
Dir nur klopfen diese Pulse;
Voll von süßem Liebesdrange
Hebt mein Herz sich dir allein!«
Und mit der fettigsten Prosastimme setzte sie
hinzu: »Bartolo, gib mir den Spucknapf.«
Von seinem niedern Bänkchen erhob sich jetzt Bar-
tolo mit seinen dürren hölzernen Beinen und präsen-
tierte ehrerbietig einen etwas unreinlichen Napf von
blauem Porzellan.
Dieser zweite Galan, wie mir Gumpelino auf
deutsch zuflüsterte, war ein sehr berühmter Dichter,
dessen Lieder, obgleich er sie schon vor zwanzig Jah-
ren gedichtet, noch jetzt in ganz Italien klingen und
mit der süßen Liebesglut, die in ihnen flammt, alt und
jung berauschen; - derweilen er selbst jetzt nur ein
armer, veralteter Mensch ist, mit blassen Augen im
welken Gesichte, dünnen weißen Härchen auf dem
schwankenden Kopfe und kalter Armut im kümmerli-
chen Herzen. So ein armer, alter Dichter mit seiner
kahlen Hölzernheit gleicht den Weinstöcken, die wir
im Winter auf den kalten Bergen stehen sehen, dürr
und laublos, im Winde zitternd und von Schnee be-
deckt, während der süße Most, der ihnen einst ent-
quoll, in den fernsten Landen gar manches Zecherherz
erwärmt und zu ihrem Lobe berauscht. Wer weiß,
wenn einst die Kelter der Gedanken, die Druckerpres-
se, auch mich ausgepreßt hat und nur noch im Ver-
lagskeller von Hoffmann und Campe der alte, abge-
zapfte Geist zu finden ist, sitze ich selbst vielleicht
ebenso dünn und kümmerlich, wie der arme Bartolo,
auf dem Schemel neben dem Bette einer alten Inamo-
rata und reiche ihr auf Verlangen den Napf des
Spuckes.
Signora Lätitia entschuldigte sich bei mir, daß sie
zu Bette liege, und zwar bäuchlings, indem ein Ge-
schwür an der Legitimität, das sie sich durch vieles
Feigenessen zugezogen, sie jetzt hindere, wie es einer
ordentlichen Frau zieme, auf dem Rücken zu liegen.
Sie lag wirklich ungefähr wie eine Sphinx; ihr hoch-
frisiertes Haupt stemmte sie auf ihre beiden Arme,
und zwischen diesen wogte ihr Busen wie ein rotes
Meer.
»Sie sind ein Deutscher?« frug sie mich.
»Ich bin zu ehrlich, es zu leugnen, Signora!« ent-
gegnete meine Wenigkeit.
»Ach, ehrlich genug sind die Deutschen!« - seufzte
sie - »aber was hilft es, daß die Leute ehrlich sind,
die uns berauben! sie richten Italien zugrunde. Meine
besten Freunde sitzen eingekerkert in Milano; nur
Sklaverei -«
»Nein, nein«, rief der Marchese, »beklagen Sie sich
nicht über die Deutschen, wir sind überwundene
Überwinder, besiegte Sieger, sobald wir nach Italien
kommen; und Sie sehen, Signora, Sie sehen und Ihnen
zu Füßen fallen, ist dasselbe -« Und indem er sein
gelbseidenes Taschentuch ausbreitete und darauf nie-
derkniete, setzte er hinzu: »Hier knie ich und huldige
Ihnen im Namen von ganz Deutschland.«
»Christophoro di Gumpelino!« - seufzte Signora
tiefgerührt und schmachtend - »stehen Sie auf und
umarmen Sie mich!«
Damit aber der holde Schäfer nicht die Frisur und
die Schminke seiner Geliebten verdürbe, küßte sie ihn
nicht auf die glühenden Lippen, sondern auf die holde
Stirne, so daß sein Gesicht tiefer hinabreichte und das
Steuer desselben, die Nase, im roten Meere herumru-
derte.
»Signor Bartolo!« rief ich, »erlauben Sie mir, daß
auch ich mich des Spucknapfes bediene.«
Wehmütig lächelte Signor Bartolo, sprach aber
kein einziges Wort, obgleich er, nächst Mezzophante,
für den besten Sprachlehrer in Bologna gilt. Wir spre-
chen nicht gern, wenn Sprechen unsre Profession ist.
Er diente der Signora als ein stummer Ritter, und nur
dann und wann mußte er das Gedicht rezitieren, das er
ihr vor fünfundzwanzig Jahren aufs Theater geworfen,
als sie zuerst in Bologna, in der Rolle der Ariadne,
auftrat. Er selbst mag zu jener Zeit wohlbelaubt und
glühend gewesen sein, vielleicht ähnlich dem heiligen
Dionysos selbst, und seine Lätitia-Ariadne stürzte
ihm gewiß bacchantisch in die blühenden Arme -
Evoe Bacche! Er dichtete damals noch viele Liebesge-
dichte, die, wie schon erwähnt, sich in der italieni-
schen Literatur erhalten haben, nachdem der Dichter
und die Geliebte selbst schon längst zu Makulatur ge-
worden.
Fünfundzwanzig Jahre hat sich seine Treue bereits
bewährt, und ich denke, er wird auch bis an sein seli-
ges Ende auf dem Schemel sitzen und auf Verlangen
seine Verse rezitieren oder den Spucknapf reichen.
Der Professor der Jurisprudenz schleppt sich fast
ebensolange schon in den Liebesfesseln der Signora,
er macht ihr noch immer so eifrig die Cour wie im
Anfang dieses Jahrhunderts, er muß noch immer seine
akademischen Vorlesungen unbarmherzig vertagen,
wenn sie seine Begleitung nach irgendeinem Orte ver-
langt, und er ist noch immer belastet mit allen Servi-
tuten eines echten Patito.
Die treue Ausdauer dieser beiden Anbeter einer
längst ruinierten Schönheit mag vielleicht Gewohn-
heit sein, vielleicht Pietas gegen frühere Gefühle, viel-
leicht nur das Gefühl selbst, das sich von der jetzigen
Beschaffenheit seines ehemaligen Gegenstandes ganz
unabhängig gemacht hat und diesen nur noch mit den
Augen der Erinnerung betrachtet. So sehen wir oft
alte Leute an einer Straßenecke, in katholischen Städ-
ten, vor einem Madonnenbilde knien, das so verblaßt
und verwittert ist, daß nur noch wenige Spuren und
Gesichtsumrisse davon übriggeblieben sind, ja, daß
man dort vielleicht nichts mehr sieht als die Nische,
worin es gemalt stand, und die Lampe, die etwa noch
darüber hängt; aber die alten Leute, die, mit dem Ro-
senkranz in den zitternden Händen, dort so andächtig
knien, haben schon seit ihren Jugendjahren dort ge-
kniet, Gewohnheit treibt sie immer, um dieselbe Stun-
de, zu demselben Fleck, sie merkten nicht das Erlö-
schen des geliebten Heiligenbildes, und am Ende
macht das Alter ja doch so schwachsichtig und blind,
daß es ganz gleichgültig sein mag, ob der Gegenstand
unserer Anbetung überhaupt noch sichtbar ist oder
nicht. Die da glauben, ohne zu sehen, sind auf jeden
Fall glücklicher als die Scharfäugigen, die jede her-
vorblühende Runzel auf dem Antlitz ihrer Madonnen
gleich bemerken. Nichts ist schrecklicher als solche
Bemerkungen! Einst freilich glaubte ich, die Treulo-
sigkeit der Frauen sei das schrecklichste, und um
dann das Schrecklichste zu sagen, nannte ich sie
Schlangen. Aber ach! jetzt weiß ich, das schrecklich-
ste ist, daß sie nicht ganz Schlangen sind; denn die
Schlangen können jedes Jahr die alte Haut von sich
abstreifen und neugehäutet sich verjüngen.
Ob einer von den beiden antiken Seladons darüber
eifersüchtig war, daß der Marchese, oder vielmehr
dessen Nase, oberwähntermaßen in Wonne schwamm,
das konnte ich nicht bemerken. Bartolo saß gemütsru-
hig auf seinem Bänkchen, die Beinstöckchen überein-
andergeschlagen, und spielte mit Signoras Schoß-
hündchen, einem jener hübschen Tierchen, die in Bo-
logna zu Hause sind und die man auch bei uns unter
dem Namen Bologneser kennt. Der Professor ließ sich
durchaus nicht stören in seinem Gesange, den zuwei-
len die kichernd süßen Töne im Nebenzimmer parodi-
stisch überjubelten; dann und wann unterbrach er
auch selbst seinen Singsang, um mich mit juristischen
Fragen zu behelligen. Wenn wir in unserem Urteil
nicht übereinstimmten, griff er hastige Akkorde und
klimperte Beweisstellen. Ich aber unterstützte meine
Meinung immer durch die Autorität meines Lehrers,
des großen Hugo, der in Bologna unter dem Namen
Ugone, auch Ugolino, sehr berühmt ist.
»Ein großer Mann!« rief der Professor und klim-
perte dabei und sang:
»Seiner Stimme sanfter Ruf
Tönt noch tief in deiner Brust,
Und die Qual, die sie dir schuf,
Ist Entzücken, süße Lust.«
Auch Thibaut, den die Italiener Tibaldo nennen,
wird in Bologna sehr geehrt; doch kennt man dort
nicht sowohl die Schriften jener Männer als vielmehr
ihre Hauptansichten und deren Gegensatz. Gans und
Savigny fand ich ebenfalls nur dem Namen nach be-
kannt. Letzteren hielt der Professor für ein gelehrtes
Frauenzimmer.
»So, so« sprach er, als ich ihn aus diesem leicht
verzeihlichen Irrtum zog -, »wirklich kein Frauen-
zimmer. Man hat mir also falsch berichtet. Man sagte
mir sogar, der Signor Gans habe dieses Frauenzimmer
einst, auf einem Balle, zum Tanze aufgefordert, habe
einen Refüs bekommen, und daraus sei eine literäri-
sche Feindschaft entstanden.«
»Man hat Ihnen in der Tat falsch berichtet, der Si-
gnor Gans tanzt gar nicht, schon aus dem menschen-
freundlichen Grunde, damit nicht ein Erdbeben entste-
he. Jene Aufforderung zum Tanze ist wahrscheinlich
eine mißverstandene Allegorie. Die historische Schule
und die philosophische werden als Tänzer gedacht,
und in solchem Sinne denkt man sich vielleicht eine
Quadrille von Ugone, Tibaldo, Gans und Savigny.
Und vielleicht in solchem Sinne sagt man, daß Signor
Ugone, obgleich er der Diable boiteux der Jurispru-
denz ist, doch so zierliche Pas tanze wie die Lemiere
und daß Signor Gans in der neuesten Zeit einige
große Sprünge versucht, die ihn zum Hoguet der phi-
losophischen Schule gemacht haben.«
»Der Signor Gans« - verbesserte sich der Profes-
sor - »tanzt also bloß allegorisch, sozusagen meta-
phorisch« - Doch plötzlich, statt weiterzusprechen,
griff er wieder in die Saiten der Gitarre, und bei dem
tollsten Geklimper sang er wie toll:
»Es ist wahr, sein teurer Name
Ist die Wonne aller Herzen.
Stürmen laut des Meeres Wogen,
Droht der Himmel schwarz umzogen,
Hört man stets Tarar nur rufen,
Gleich als beugten Erd' und Himmel
Vor des Helden Namen sich.«
Von Herrn Göschen wußte der Professor nicht ein-
mal, daß er existiere. Dies aber hatte seine natürlichen
Gründe, indem der Ruhm des großen Göschen noch
nicht bis Bologna gedrungen ist, sondern erst bis Pog-
gio, welches noch vier deutsche Meilen davon entfernt
ist und wo er sich zum Vergnügen noch einige Zeit
aufhalten wird. - Göttingen selbst ist in Bologna
lange nicht so bekannt, wie man, schon der Dankbar-
keit wegen, erwarten dürfte, indem es sich das deut-
sche Bologna zu nennen pflegt. Ob diese Benennung
treffend ist, will ich nicht untersuchen; auf jeden Fall
aber unterscheiden sich beide Universitäten durch den
einfachen Umstand, daß in Bologna die kleinsten
Hunde und die größten Gelehrten, in Göttingen hinge-
gen die kleinsten Gelehrten und die größten Hunde zu
finden sind.
Kapitel VI
Als der Marchese Christophoro di Gumpelino seine
Nase hervorzog aus dem roten Meere, wie weiland
König Pharao, da glänzte sein Antlitz in schwitzender
Selbstwonne. Tief gerührt gab er Signoren das Ver-
sprechen, sie, sobald sie wieder sitzen könne, in sei-
nem eignen Wagen nach Bologna zu bringen. Nun
wurde verabredet, daß alsdann der Professor
vorausreisen, Bartolo hingegen im Wagen des Mar-
chese mitfahren solle, wo er sehr gut auf dem Bock
sitzen und das Hündchen im Schoße halten könne,
und daß man endlich in vierzehn Tagen zu Florenz
eintreffen wolle, wo Signora Franscheska, die mit
Mylady nach Pisa reise, unterdessen ebenfalls zurück-
gekehrt sein würde. Während der Marchese an den
Fingern die Kosten berechnete, summte er vor sich
hin: »Di tanti palpiti.« Signora schlug dazwischen die
lautesten Triller, und der Professor stürmte in die Sai-
ten der Gitarre und sang dabei so glühende Worte,
daß ihm die Schweißtropfen von der Stirne und die
Tränen aus den Augen liefen und sich auf seinem
roten Gesichte zu einem einzigen Strome vereinigten.
Während dieses Singens und Klingens ward plötzlich
die Türe des Nebenzimmers aufgerissen, und herein
sprang ein Wesen -
Euch, ihr Musen der alten und der neuen Welt,
euch sogar, ihr noch unentdeckten Musen, die erst ein
späteres Geschlecht verehren wird und die ich schon
längst geahnet habe, im Walde und auf dem Meere,
euch beschwör ich, gebt mir Farben, womit ich das
Wesen male, das nächst der Tugend das Herrlichste
ist auf dieser Welt. Die Tugend, das versteht sich von
selbst, ist die erste von allen Herrlichkeiten, der Welt-
schöpfer schmückte sie mit so vielen Reizen, daß es
schien, als ob er nichts ebenso Herrliches mehr
hervorbringen könne; da aber nahm er noch einmal
alle seine Kräfte zusammen, und in einer guten Stun-
de schuf er Signora Franscheska, die schöne Tänzerin,
das größte Meisterstück, das er nach Erschaffung der
Tugend hervorgebracht und wobei er sich nicht im
mindesten wiederholt hat, wie irdische Meister, bei
deren späteren Werken die Reize der früheren wieder
geborgterweise zum Vorschein kommen - Nein, Si-
gnora Franscheska ist ganz Original, sie hat nicht die
mindeste Ähnlichkeit mit der Tugend, und es gibt
Kenner, die sie für ebenso herrlich halten und der Tu-
gend, die früher erschaffen worden, nur den Vorrang
der Anciennität zuerkennen. Aber ist das ein großer
Mangel, wenn eine Tänzerin einige sechstausend
Jahre zu jung ist?
Ach, ich sehe sie wieder, wie sie aus der aufgesto-
ßenen Türe bis zur Mitte des Zimmers hervorspringt,
in demselben Momente sich unzähligemal auf einem
Fuße herumdreht, sich dann der Länge nach auf das
Sofa hinwirft, sich die Augen mit beiden Händen ver-
deckt hält und atemlos ausruft: »Ach, ich bin so müde
vom Schlafen!« Nun naht sich der Marchese und hält
eine lange Rede, in seiner ironisch breit ehrerbietigen
Manier, die mit seinem kurzabbrechenden Wesen, bei
praktischen Geschäftserinnerungen, und mit seiner
faden. Zerflossenheit, bei sentimentaler Anregung, gar
rätselhaft kontrastierte. Dennoch war diese Manier
nicht unnatürlich, sie hatte sich vielleicht dadurch na-
türlich in ihm ausgebildet, daß es ihm an Kühnheit
fehlte, jene Obmacht, wozu er sich durch Geld und
Geist berechtigt glaubte, unumwunden kundzugeben,
weshalb er sie feigerweise in die Worte der übertrie-
bensten Demut zu verkappen suchte. Sein breites Lä-
cheln bei solchen Gelegenheiten hatte etwas unange-
nehm Ergötzliches, und man wußte nicht, ob man ihm
Prügel oder Beifall zollen sollte. In solcher Weise
hielt er seine Morgenrede vor Signora Franscheska,
die, noch halb schläfrig, ihn kaum anhörte, und als er
zum Schluß um die Erlaubnis bat, ihr die Füße, we-
nigstens den linken Fuß, küssen zu dürfen, und zu
diesem Geschäfte mit großer Sorgfalt sein gelbseidnes
Taschentuch über den Fußboden ausbreitete und dar-
auf niederkniete, streckte sie ihm gleichgültig den lin-
ken Fuß entgegen, der in einem allerliebsten roten
Schuh steckte, im Gegensatz zu dem rechten Fuße,
der einen blauen Schuh trug, eine drollige Koketterie,
wodurch die zarte niedliche Form der Füße noch be-
merklicher werden sollte. Als der Marchese den klei-
nen Fuß ehrfurchtsvoll geküßt, erhob er sich mit
einem ächzenden »O Jesu!« und bat um die Erlaubnis,
mich, seinen Freund, vorstellen zu dürfen, welches
ihm ebenfalls gähnend gewährt wurde und wobei er es
nicht an Lobsprüchen auf meine Vortrefflichkeit feh-
len ließ und auf Kavalierparole beteuerte, daß ich die
unglückliche Liebe ganz vortrefflich besungen habe.
Ich bat die Dame ebenfalls um die Vergünstigung,
ihr den linken Fuß küssen zu dürfen, und in dem Mo-
mente, wo ich dieser Ehre teilhaftig wurde, erwachte
sie wie aus einem dämmernden Traume, beugte sich
lächelnd zu mir herab, betrachtete mich mit großen,
verwunderten Augen, sprang freudig empor bis in die
Mitte des Zimmers und drehte sich wieder unzählige-
mal auf einem Fuße herum. Ich fühlte wunderbar, wie
mein Herz sich beständig mitdrehte, bis es fast
schwindelig wurde. Der Professor aber griff dabei lu-
stig in die Saiten seiner Gitarre und sang:
»Eine Opernsignora erwählte
Zum Gemahl mich, ward meine Vermählte,
Und geschlossen war bald unsre Eh'.
Wehe mir Armen! weh!
Bald befreiten von ihr mich Korsaren,
Ich verkaufte sie an die Barbaren,
Ehe sie sich es konnte versehn.
Bravo, Biskroma! schön! schön!«
Noch einmal betrachtete mich Signora Franscheska
scharf und musternd, vom Kopf bis zum Fuße, und
mit zufriedener Miene dankte sie dann dem Marchese,
als sei ich ein Geschenk, das er ihr aus Artigkeit
mitgebracht. Sie fand wenig daran auszusetzen; nur
waren ihr meine Haare zu hellbraun, sie hätte sie
dunkler gewünscht, wie die Haare des Abate Cecco,
auch meine Augen fand sie zu klein und mehr grün als
blau. Zur Vergeltung, lieber Leser, sollte ich jetzt Si-
gnora Franscheska ebenso mäkelnd schildern; aber
ich habe wahrhaftig an dieser lieblichen, fast leicht-
sinnig geformten Graziengestalt nichts auszusetzen.
Auch das Gesicht war ganz göttermäßig, wie man es
bei griechischen Statuen findet, Stirne und Nase
gaben nur eine einzige senkrecht gerade Linie, einen
süßen rechten Winkel bildete damit die untere Nasen-
linie, die wundersam kurz war, ebenso schmal war die
Entfernung von der Nase zum Munde, dessen Lippen
an beiden Enden kaum ausreichten und von einem
träumerischen Lächeln ergänzt wurden; darunter
wölbte sich ein liebes volles Kinn, und der Hals -
Ach! frommer Leser, ich komme zu weit, und außer-
dem habe ich bei dieser Inauguralschilderung noch
kein Recht, von den zwei schweigenden Blumen zu
sprechen, die wie weiße Poesie hervorleuchteten,
wenn Signora die silbernen Halsknöpfe ihres
schwarzseidnen Kleides enthäkelte - Lieber Leser!
laß uns wieder emporsteigen zu der Schilderung des
Gesichtes, wovon ich nachträglich noch zu berichten
habe, daß es klar und blaßgelb wie Bernstein war,
daß es von den schwarzen Haaren, die in glänzend
glatten Ovalen die Schläfe bedeckten, eine kindliche
Ründung empfing und von zwei schwarzen plötzli-
chen Augen, wie von Zauberlicht, beleuchtet wurde.
Du siehst, lieber Leser, daß ich dir gern eine gründ-
liche Lokalbeschreibung meines Glückes liefern
möchte, und wie andere Reisende ihren Werken noch
besondere Karten von historisch wichtigen oder sonst
merkwürdigen Bezirken beifügen, so möchte ich
Franscheska in Kupfer stechen lassen. Aber ach! was
hilft die tote Kopie der äußern Umrisse bei Formen,
deren göttlichster Reiz in der lebendigen Bewegung
besteht. Selbst der beste Maler kann uns diesen nicht
zur Anschauung bringen, denn die Malerei ist doch
nur eine platte Lüge. Eher vermöchte es der Bildhau-
er; durch wechselnde Beleuchtung können wir bei
Statuen uns einigermaßen eine Bewegung der Formen
denken, und die Fackel, die ihnen nur äußeres Licht
zuwirft, scheint sie auch von innen zu beleben. Ja, es
gibt eine Statue, die dir, lieber Leser, einen marmor-
nen Begriff von Franscheskas Herrlichkeit zu geben
vermöchte, und das ist die Venus des großen Canova,
die du in einem der letzten Säle des Palazzo Pitti zu
Florenz finden kannst. Ich denke jetzt oft an diese
Statue, zuweilen träumt mir, sie läge in meinen
Armen und belebe sich allmählich und flüstere end-
lich mit der Stimme Franscheskas. Der Ton dieser
Stimme war es aber, der jedem ihrer Worte die
lieblichste, unendlichste Bedeutung erteilte, und woll-
te ich dir ihre Worte mitteilen, so gäbe es bloß ein
trocknes Herbarium von Blumen, die nur durch ihren
Duft den größten Wert besaßen. Auch sprang sie oft
in die Höhe und tanzte, während sie sprach, und viel-
leicht war eben der Tanz ihre eigentliche Sprache.
Mein Herz aber tanzte immer mit und exekutierte die
schwierigsten Pas und zeigte dabei so viel Tanztalent,
wie ich ihm nie zugetraut hätte. In solcher Weise er-
zählte Franscheska auch die Geschichte von dem
Abate Cecco, einem jungen Burschen, der in sie ver-
liebt war, als sie noch im Arnotal Strohhüte strickte,
und sie versicherte, daß ich das Glück hätte, ihm ähn-
lich zu sehen. Dabei machte sie die zärtlichsten Pan-
tomimen, drückte ein übers andere Mal die Finger-
spitzen ans Herz, schien dann mit gehöhlter Hand die
zärtlichsten Gefühle hervorzuschöpfen, warf sich end-
lich schwebend, mit voller Brust, aufs Sofa, barg das
Gesicht in die Kissen, streckte hinter sich ihre Füße in
die Höhe und ließ sie wie hölzerne Puppen agieren.
Der blaue Fuß sollte den Abate Cecco und der rote
die arme Franscheska vorstellen, und indem sie ihre
eigene Geschichte parodierte, ließ sie die beiden ver-
liebten Füße voneinander Abschied nehmen, und es
war ein rührend närrisches Schauspiel, wie sich beide
mit den Spitzen küßten und die zärtlichsten Dinge
sagten - und dabei weinte das tolle Mädchen
ergötzlich kichernde Tränen, die aber dann und wann
etwas unbewußt tiefer aus der Seele kamen, als die
Rolle verlangte. Sie ließ auch, im drolligen Schmer-
zensübermut, den Abate Cecco eine lange Rede hal-
ten, worin er die Schönheit der armen Franscheska
mit pedantischen Metaphern rühmte, und die Art, wie
sie auch, als arme Franscheska, Antwort gab und ihre
eigene Stimme, in der Sentimentalität einer früheren
Zeit, kopierte, hatte etwas Puppenspielwehmütiges,
das mich wundersam bewegte. Ade Cecco! Ade Fran-
scheska! war der beständige Refrain, die verliebten
Füßchen wollten sich nicht verlassen - und ich war
endlich froh, als ein unerbittliches Schicksal sie von-
einander trennte, indem süße Ahnung mir zuflüsterte,
daß es für mich ein Mißgeschick wäre, wenn die bei-
den Liebenden beständig vereinigt blieben.
Der Professor applaudierte mit possenhaft schwir-
renden Gitarrentönen, Signora trillerte, das Hündchen
bellte, der Marchese und ich klatschten in die Hände
wie rasend, und Signora Franscheska stand auf und
verneigte sich dankbar. »Es ist wirklich eine schöne
Komödie«, sprach sie zu mir, »aber es ist schon lange
her, seit sie zuerst aufgeführt worden, und ich selbst
bin schon so alt - raten Sie mal, wie alt?«
Sie erwartete jedoch keineswegs meine Antwort,
sprach rasch: »Achtzehn Jahr« - und drehte sich
dabei wohl achtzehnmal auf einem Fuß herum. »Und
wie alt sind Sie, Dottore?«
»Ich, Signora bin in der Neujahrsnacht achtzehn-
hundert geboren.«
»Ich habe Ihnen ja schon gesagt«, bemerkte der
Marchese, »es ist einer der ersten Männer unseres
Jahrhunderts.«
»Und wie alt halten Sie mich?« rief plötzlich Si-
gnora Lätitia, und ohne an ihr Evakostüm, das bis
jetzt die Bettdecke verborgen hatte, zu denken, erhob
sie sich bei dieser Frage so leidenschaftlich in die
Höhe, daß nicht nur das rote Meer, sondern auch ganz
Arabien, Syrien und Mesopotamien zum Vorschein
kam.
Indem ich, ob dieses gräßlichen Anblicks, er-
schrocken zurückprallte, stammelte ich einige Re-
densarten über die Schwierigkeiten, eine solche Frage
zu lösen, indem ich ja Signora erst zur Hälfte gesehen
hätte; doch da sie noch eifriger in mich drang, gestand
ich ihr die Wahrheit, nämlich daß ich das Verhältnis
der italienischen Jahre zu den deutschen noch nicht zu
berechnen wisse.
»Ist der Unterschied groß?« frug Signora Lätitia.
»Das versteht sich«, antwortete ich ihr, »da die
Hitze alle Körper ausdehnt, so sind die Jahre in dem
warmen Italien viel länger als in dem kalten Deutsch-
land.«
Der Marchese zog mich besser aus der
Verlegenheit, indem er galant behauptete, ihre Schön-
heit habe sich jetzt erst in der üppigsten Reife entfal-
tet. »Und Signora!« setzte er hinzu, »so wie die Po-
meranze, je älter sie wird, auch desto gelber wird, so
wird auch Ihre Schönheit mit jedem Jahre desto rei-
fer.«
Die Dame schien mit dieser Vergleichung zufrieden
zu sein und gestand ebenfalls, daß sie sich wirklich
reifer fühle als sonst, besonders gegen damals, wo sie
noch ein dünnes Ding gewesen und zuerst in Bologna
aufgetreten sei, und daß sie noch jetzt nicht begreife,
wie sie in solcher Gestalt soviel Furore habe machen
können. Und nun erzählte sie ihr Debüt als Ariadne,
worauf sie, wie ich später entdeckte, sehr oft zurück-
kam, bei welcher Gelegenheit auch Signor Bartolo
das Gedicht deklamieren mußte, das er ihr damals
aufs Theater geworfen. Es war ein gutes Gedicht, voll
rührender Trauer über Theseus' Treulosigkeit, voll
blinder Begeisterung für Bacchus und blühender Ver-
herrlichung Ariadnes. »Bella cosa!« rief Signora Läti-
tia bei jeder Strophe, und auch ich lobte die Bilder,
den Versbau und die ganze Behandlung jener Mythe.
»Ja, sie ist sehr schön«, sagte der Professor, »und
es liegt ihr gewiß eine historische Wahrheit zum
Grunde, wie denn auch einige Autoren uns ausdrück-
lich erzählen, daß Oneus, ein Priester des Bacchus,
sich mit der trauernden Ariadne vermählt habe, als er
sie verlassen auf Naxos angetroffen; und wie oft ge-
schieht, ist in der Sage aus dem Priester des Gottes
der Gott selbst gemacht worden.«
Ich konnte dieser Meinung nicht beistimmen, da
ich mich in der Mythologie mehr zur historischen
Ausdeutung hinneige, und ich entgegnete: »In der
ganzen Fabel, daß Ariadne, nachdem Theseus sie auf
Naxos sitzenlassen, sich dem Bacchus in die Arme
geworfen, sehe ich nichts anderes als die Allegorie,
daß sie sich, in jenem verlassenen Zustande, dem
Trunk ergeben hat, eine Hypothese, die noch mancher
Gelehrte meines Vaterlandes mit mir teilt. Sie, Herr
Marchese, werden wahrscheinlich wissen, daß der se-
lige Bankier Bethmann, im Sinne dieser Hypothese,
seine Ariadne so zu beleuchten wußte, daß sie eine
rote Nase zu haben schien.«
»Ja, ja, Bethmann in Frankfurt war ein großer
Mann!« rief der Marchese; jedoch im selben Augen-
blick schien ihm etwas Wichtiges durch den Kopf zu
laufen, seufzend sprach er vor sich hin: »Gott, Gott,
ich habe vergessen, nach Frankfurt an Rothschild zu
schreiben!« Und mit ernstem Geschäftsgesicht, wor-
aus aller parodistische Scherz verschwunden schien,
empfahl er sich kurzweg, ohne lange Zeremonien, und
versprach, gegen Abend wiederzukommen.
Als er fort war und ich im Begriff stand, wie es in
der Welt gebräuchlich ist, meine Glossen über
ebenden Mann zu machen, durch dessen Güte ich die
angenehmste Bekanntschaft gewonnen, da fand ich zu
meiner Verwunderung, daß alle ihn nicht genug zu
rühmen wußten und daß alle besonders seinen Enthu-
siasmus für das Schöne, sein adelig feines Betragen
und seine Uneigennützigkeit in den übertriebensten
Ausdrücken priesen. Auch Signora Franscheska
stimmte ein in diesen Lobgesang, doch gestand sie,
seine Nase sei etwas beängstigend und erinnere sie
immer an den Turm von Pisa.
Beim Abschied bat ich sie wieder um die Vergün-
stigung, ihren linken Fuß küssen zu dürfen, worauf
sie, mit lächelndem Ernst, den roten Schuh auszog
sowie auch den Strumpf; und indem ich niederkniete,
reichte sie mir den weißen, blühenden Lilienfuß, den
ich vielleicht gläubiger an die Lippen preßte, als ich
es mit dem Fuß des Papstes getan haben möchte. Wie
sich von selbst versteht, machte ich auch die Kam-
merjungfer und half den Strumpf und den Schuh wie-
der anziehen.
»Ich bin mit Ihnen zufrieden« - sagte Signora
Franscheska, nach verrichtetem Geschäfte, wobei ich
mich nicht zu sehr übereilte, obgleich ich alle zehn
Finger in Tätigkeit setzte -, »ich bin mit Ihnen zufrie-
den, Sie sollen mir noch öfter die Strümpfe anziehen.
Heute haben Sie den linken Fuß geküßt, morgen soll
Ihnen der rechte zu Gebot stehen. Übermorgen dürfen
Sie mir schon die linke Hand küssen und einen Tag
nachher auch die rechte. Führen Sie sich gut auf, so
reiche ich Ihnen späterhin den Mund usw. Sie sehen,
ich will Sie gern avancieren lassen, und da Sie jung
sind, können Sie es in der Welt noch weit bringen.«
Und ich habe es weit gebracht in dieser Welt! Des
seid mir Zeugen, toskanische Nächte, du hellblauer
Himmel mit großen silbernen Sternen, ihr wilden Lor-
beerbüsche und heimlichen Myrten und ihr, o Nym-
phen des Apennins, die ihr mit bräutlichen Tänzen
uns umschwebtet und euch zurückträumtet in jene
besseren Götterzeiten, wo es noch keine gotische
Lüge gab, die nur blinde, tappende Genüsse im ver-
borgenen erlaubt und jedem freien Gefühl ihr heuchle-
risches Feigenblättchen vorklebt.
Es bedurfte keiner besonderen Feigenblätter, denn
ein ganzer Feigenbaum mit vollen ausgebreiteten
Zweigen rauschte über den Häuptern der Glücklichen.
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