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Die Bäder von Lucca

Kapitel I-III | Kapitel IV-VI | Kapitel VII-IX | Kapitel X-XI

und

Reise von München nach Genua

Text by Heinrich Heine (1797-1856)

Kapitel VII-IX

Kapitel VII

Was Prügel sind, das weiß man schon; was aber 
die Liebe ist, das hat noch keiner herausgebracht. Ei-
nige Naturphilosophen haben behauptet, es sei eine 
Art Elektrizität. Das ist möglich; denn im Momente 
des Verliebens ist uns zumute, als habe ein 
elektrischer Strahl aus dem Auge der Geliebten plötz-
lich in unser Herz eingeschlagen. Ach! diese Blitze 
sind die verderblichsten, und wer gegen diese einen 
Ableiter erfindet, den will ich höher achten als Frank-
lin. Gäbe es doch kleine Blitzableiter, die man auf 
dem Herzen tragen könnte und woran eine 
Wetterstange wäre, die das schreckliche Feuer anders-
wohin zu leiten vermöchte! Ich fürchte aber, dem klei-
nen Amor kann man seine Pfeile nicht so leicht rau-
ben wie dem Jupiter seinen Blitz und den Tyrannen 
ihr Zepter. Außerdem wirkt nicht jede Liebe blitzar-
tig; manchmal lauert sie, wie eine Schlange unter 
Rosen, und erspäht die erste Herzenslücke, um hin-
einzuschlüpfen; manchmal ist es nur ein Wort, ein 
Blick, die Erzählung einer unscheinbaren Handlung, 
was wie ein lichtes Samenkorn in unser Herz fällt, 
eine ganze Winterzeit ruhig darin liegt, bis der Früh-
ling kommt und das kleine Samenkorn aufschießt zu 
einer flammenden Blume, deren Duft den Kopf be-
täubt. Dieselbe Sonne, die im Niltal Ägyptens 
Krokodileneier ausbrütet, kann zugleich zu Potsdam 
an der Havel die Liebessaat in einem jungen Herzen 
zur Vollreife bringen - dann gibt es Tränen in Ägyp-
ten und Potsdam. Aber Tränen sind noch lange keine 
Erklärungen - Was ist die Liebe? Hat keiner ihr 
Wesen ergründet? hat keiner das Rätsel gelöst? Viel-
leicht bringt solche Lösung größere Qual als das 
Rätsel selbst, und das Herz erschrickt und erstarrt 
darob, wie beim Anblick der Medusa. Schlangen rin-
geln sich um das schreckliche Wort, das dieses Rätsel
auflöst - Oh, ich will dieses Auflösungswort niemals 
wissen, das brennende Elend in meinem Herzen ist 
mir immer noch lieber als kalte Erstarrung. Oh, 
sprecht es nicht aus, ihr gestorbenen Gestalten, die ihr
schmerzlos wie Stein, aber auch gefühllos wie Stein 
durch die Rosensgärten dieser Welt wandelt und mit 
bleichen Lippen auf den törichten Gesellen 
herablächelt, der den Duft der Rosen preist und über 
Dornen klagt.
Wenn ich dir aber, lieber Leser, nicht zu sagen ver-
mag, was die Liebe eigentlich ist, so könnte ich dir 
doch ganz ausführlich erzählen, wie man sich gebär-
det und wie einem zumut ist, wenn man sich auf den 
Apenninen verliebt hat. Man gebärdet sich nämlich 
wie ein Narr, man tanzt über Hügel und Felsen und 
glaubt, die ganze Welt tanze mit. Zumute ist einem 
dabei, als sei die Welt erst heute erschaffen worden 
und man sei der erste Mensch. »Ach, wie schön ist 
das alles!« jauchzte ich, als ich Franscheskas Woh-
nung verlassen hatte. Wie schön und kostbar ist diese 
neue Welt! Es war mir, als müßte ich allen Pflanzen 
und Tieren einen Namen geben, und ich benannte 
alles nach seiner innern Natur und nach meinem eig-
nen Gefühl, das mit den Außendingen so wunderbar 
verschmolz. Meine Brust war eine Quelle von Offen-
barung, und ich verstand alle Formen und Gestaltun-
gen, den Duft der Pflanzen, den Gesang der Vögel, 
das Pfeifen des Windes und das Raus schen der Was-
serfälle. Manchmal hörte ich auch die göttliche Stim-
me: »Adam, wo bist du?« - »Hier bin ich, Fran-
scheska«, rief ich dann, »ich bete dich an, denn ich 
weiß ganz gewiß, du hast Sonne, Mond und Sterne 
erschaffen und die Erde mit allen ihren Kreaturen!« 
Dann kicherte es aus den Myrtenbüschen, und heim-
lich seufzte ich in mich hinein: »O süße Torheit, ver-
laß mich nicht!«
Späterhin, als die Dämmerungszeit herankam, be-
gann erst recht die verrückte Seligkeit der Liebe. Die 
Bäume auf den Bergen tanzten nicht mehr einzeln, 
sondern die Berge selbst tanzten mit schweren Häup-
tern, die von der scheidenden Sonne so rot bestrahlt 
wurden, als hätten sie sich mit ihren eignen Weintrau-
ben berauscht. Unten der Bach schoß hastiger von 
dannen und rauschte angstvoll, als fürchte er, die ent-
zückt taumelnden Berge würden zu Boden stürzen. 
Dabei wetterleuchtete es so lieblich wie lichte Küsse. 
»Ja«, rief ich, »der lachende Himmel küßt die geliebte
Erde - O Franscheska, schöner Himmel, laß mich 
deine Erde sein! Ich bin so ganz irdisch und sehne 
mich nach dir, mein Himmel!« So rief ich und streckte
die Arme flehend empor und rannte mit dem Kopfe 
gegen manchen Baum, den ich dann umarmte, statt zu
schelten, und meine Seele jauchzte vor Liebestrunken-
heit - als plötzlich ich eine glänzende 
Scharlachgestalt erblickte, die mich aus allen meinen 
Träumen gewaltsam herausriß und der kühlsten Wirk-
lichkeit zurückgab.

Kapitel VIII

Auf einem Rasenvorsprung, unter einem breiten 
Lorbeerbaume, saß Hyazinthos, der Diener des Mar-
chese, und neben ihm Apollo, dessen Hund. Letzterer 
stand vielmehr, indem er die Vorderpfoten auf die 
Scharlachknie des kleinen Mannes gelegt hatte und 
neugierig zusah, wie dieser, eine Schreibtafel in den 
Händen haltend, dann und wann etwas hineinschrieb, 
wehmütig vor sich hin lächelte, das Köpfchen schüt-
telte, tief seufzte und sich dann vergnügt die Nase 
putzte.
»Was Henker«, rief ich ihm entgegen, »Hirsch 
Hyazinthos! machst du Gedichte? Nun, die Zeichen 
sind günstig, Apollo steht dir zur Seite, und der Lor-
beer hängt schon über deinem Haupte.«
Aber ich tat dem armen Schelme unrecht. Liebreich
antwortete er: »Gedichte? Nein, ich bin ein Freund 
von Gedichten, aber ich schreibe doch keine. Was 
sollte ich schreiben? Ich hatte eben nichts zu tun, und 
zu meinem Vergnügen machte ich mir eine Liste von 
den Namen derjenigen Freunde, die einst in meiner 
Kollekte gespielt haben. Einige davon sind mir sogar 
noch etwas schuldig - Glauben Sie nur nicht, Herr 
Doktor, ich wollte Sie mahnen - das hat Zeit, Sie sind
mir gut. Hätten Sie nur zuletzt 1365 statt 1364 ge-
spielt, so wären Sie jetzt ein Mann von hunderttau-
send Mark Banko und brauchten nicht hier herumzu-
laufen und könnten ruhig in Hamburg sitzen, ruhig 
und vergnügt, und könnten sich auf dem Sofa erzäh-
len lassen, wie es in Italien aussieht. So wahr mir 
Gott helfe! ich wäre nicht hergereist, hätte ich es nicht
Herrn Gumpel zuliebe getan. Ach, wieviel Hitz' und 
Gefahr und Müdigkeit muß ich ausstehen, und wo nur
eine Überspannung ist oder eine Schwärmerei, ist 
auch Herr Gumpel dabei, und ich muß alles mitma-
chen. Ich wäre schon längst von ihm gegangen, wenn 
er mich missen könnte. Denn wer soll nachher zu 
Hause erzählen, wieviel Ehre und Bildung er in der 
Fremde genossen? Und soll ich die Wahrheit sagen, 
ich selbst fang an, viel auf Bildung zu geben. In Ham-
burg hab ich sie gottlob nicht nötig; aber man kann 
nicht wissen, man kommt einmal nach einem anderen 
Ort. Es ist eine ganz andere Welt jetzt. Und man hat 
recht; so ein bißchen Bildung ziert den ganzen Men-
schen. Und welche Ehre hat man davon! Lady 
Maxfield zum Beispiel, wie hat sie mich diesen Mor-
gen aufgenommen und honoriert! Ganz parallel wie 
ihresgleichen. Und sie gab mir einen Franceskoni 
Trinkgeld, obschon die Blume nur fünf Paoli gekostet
hatte. Außerdem ist es auch ein Vergnügen, wenn 
man den kleinen, weißen Fuß von schönen Damen-
personen in Händen hat.«
Ich war nicht wenig betreten über diese letzte Be-
merkung und dachte gleich: ›Ist das Stichelei?‹ Wie 
konnte aber der Lump schon Kenntnis haben von dem
Glücke, das mir erst denselben Tag begegnet, zu 
derselben Zeit, als er auf der entgegengesetzten Seite 
des Bergs war? Gab's dort etwa eine ähnliche Szene, 
und offenbarte sich darin die Ironie des großen Welt-
bühnendichters da droben, daß er vielleicht noch tau-
send solcher Szenen, die gleichzeitig eine die andere 
parodieren, zum Vergnügen der himmlischen Heer-
scharen aufführen ließ? Indessen, beide Vermutungen 
waren ungegründet, denn nach langen wiederholten 
Fragen, und nachdem ich das Versprechen geleistet, 
dem Marchese nichts zu verraten, gestand mir der 
arme Mensch, Lady Maxfield habe noch zu Bette ge-
legen, als er ihr die Tulpe überreicht, in dem Augen-
blick, wo er seine schöne Anrede halten wollen, sei 
einer ihrer Füße nackt zum Vorschein gekommen, und
da er Hühneraugen daran bemerkt, habe er gleich um 
die Erlaubnis gebeten, sie ausschneiden zu dürfen, 
welches auch gestattet und nachher, zugleich für die 
Überreichung der Tulpe, mit einem Franceskoni be-
lohnt worden sei.
»Es ist mir aber immer nur um die Ehre zu tun« - 
setzte Hyazinth hinzu -, »und das habe ich auch dem 
Baron Rothschild gesagt, als ich die Ehre hatte, ihm 
die Hühneraugen zu schneiden. Es geschah in seinem 
Kabinett; er saß dabei auf seinem grünen Sessel, wie 
auf einem Thron, sprach wie ein König, um ihn herum
standen seine Courtiers, und er gab seine Ordres und 
schickte Stafetten an alle Könige; und wie ich ihm 
währenddessen die Hühneraugen schnitt, dacht ich im
Herzen: ›Du hast jetzt in Händen den Fuß des Man-
nes, der selbst jetzt die ganze Welt in Händen hat, du 
bist jetzt ebenfalls ein wichtiger Mensch, schneidest 
du ihn unten ein bißchen zu scharf, so wird er ver-
drießlich und schneidet oben die größten Könige noch
ärger‹ - Es war der glücklichste Moment meines Le-
bens!«
»Ich kann mir dieses schöne Gefühl vorstellen, 
Herr Hyazinth. Welchen aber von der Rothschild-
schen Dynastie haben Sie solchermaßen amputiert? 
War es etwa der hochherzige Brite, der Mann in Lom-
bard Street, der ein Leihhaus für Kaiser und Könige 
errichtet hat?«
»Versteht sich, Herr Doktor, ich meine den großen 
Rothschild, den großen Nathan Rothschild, Nathan 
den Weisen, bei dem der Kaiser von Brasilien seine 
diamantene Krone versetzt hat. Aber ich habe auch 
die Ehre gehabt, den Baron Salomon Rothschild in 
Frankfurt kennenzulernen, und wenn ich mich auch 
nicht seines intimen Fußes zu erfreuen hatte, so wußte
er mich doch zu schätzen. Als der Herr Marchese zu 
ihm sagte, ich sei einmal Lotteriekollekteur gewesen, 
sagte der Baron sehr witzig: ›Ich bin ja selbst so 
etwas, ich bin ja der Oberkollekteur der Rothschild-
schen Lose, und mein Kollege darf beileibe nicht mit 
den Bedienten essen, er soll neben mir bei Tische sit-
zen‹ - Und so wahr, wie mir Gott alles Gut's geben 
soll, Herr Doktor, ich saß neben Salomon Rothschild,
und er behandelte mich ganz wie seinesgleichen, ganz
famillionär. Ich war auch bei ihm auf dem berühmten 
Kinderball, der in der Zeitung gestanden. Soviel 
Pracht bekomme ich mein Lebtag nicht mehr zu 
sehen. Ich bin doch auch in Hamburg auf einem Ball 
gewesen, der 1500 Mark und 8 Schilling kostete, aber
das war doch nur wie ein Hühnerdreckchen gegen 
einen Misthaufen. Wieviel Gold und Silber und Dia-
manten habe ich dort gesehen! Wieviel Sterne und 
Orden! Den Falkenorden, das Goldne Vlies, den Lö-
wenorden, den Adlerorden - sogar ein ganz klein 
Kind, ich sage Ihnen, ein ganz klein Kind trug einen 
Elefantenorden. Die Kinder waren gar schön maskiert
und spielten Anleihe und waren angezogen wie die 
Könige, mit Kronen auf den Köpfen, ein großer Junge
aber war angezogen präzise wie der alte Nathan Roth-
schild. Er machte seine Sache sehr gut, hatte beide 
Hände in der Hosentasche, klimperte mit Geld, schüt-
telte sich verdrießlich, wenn einer von den kleinen 
Königen was geborgt haben wollte, und nur dem klei-
nen mit dem weißen Rock und den roten Hosen strei-
chelte er freundlich die Backen und lobte ihn: ›Du 
bist mein Pläsier, mein Liebling, mein' Pracht, aber 
dein Vetter Michel soll mir vom Leib bleiben, ich 
werde diesem Narrn nichts borgen, der täglich mehr 
Menschen ausgibt, als er jährlich zu verzehren hat; es 
kommt durch ihn noch ein Unglück in die Welt, und 
mein Geschäft wird darunter leiden.‹ So wahr mir 
Gott alles Gut's gebe, der Junge machte seine Sache 
sehr gut, besonders wenn er das dicke Kind, das in 
weißen Atlas mit echten silbernen Lilien gewickelt 
war, im Gehen unterstützte und bisweilen zu ihm 
sagte: ›Na, na, du, du, führ dich nur gut auf, ernähr 
dich redlich, sorg, daß du nicht wieder weggejagt 
wirst, damit ich nicht mein Geld verliere.‹ Ich versi-
chere Sie, Herr Doktor, es war ein Vergnügen, den 
Jungen zu hören; und auch die anderen Kinder, lauter 
liebe Kinder, machten ihre Sache sehr gut - bis ihnen 
Kuchen gebracht wurde und sie sich um das beste 
Stück stritten und sich die Kronen vom Kopf rissen 
und schrien und weinten und einige sich sogar --«

Kapitel IX

Es gibt nichts Langweiligeres auf dieser Erde als 
die Lektüre einer italienischen Reisebeschreibung - 
außer etwa das Schreiben derselben -, und nur da-
durch kann der Verfasser sie einigermaßen erträglich 
machen, daß er von Italien selbst sowenig als möglich
darin redet. Trotzdem daß ich diesen Kunstkniff voll-
auf anwende, kann ich dir, lieber Leser, in den näch-
sten Kapiteln nicht viel Unterhaltung versprechen. 
Wenn du dich bei dem ennuyanten Zeug, das darin 
vorkommen wird, langweilst, so tröste dich mit mir, 
der all dieses Zeug sogar schreiben mußte. Ich rate 
dir, überschlage dann und wann einige Seiten, dann 
kömmst du mit dem Buche schneller zu Ende - ach, 
ich wollt, ich könnt es ebenso machen! Glaub nur 
nicht, ich scherze; wenn ich dir ganz ernsthaft meine 
Herzensmeinung über dieses Buch gestehen soll, so 
rate ich dir, es jetzt zuzuschlagen und gar nicht weiter
darin zu lesen. Ich will dir nächstens etwas Besseres 
schreiben, und wenn wir in einem folgenden Buche, in
der »Stadt Lucca«, wieder mit Mathilden und Fran-
scheska zusammentreffen, so sollen dich die lieben 
Bilder viel anmutiger ergötzen als gegenwärtiges Ka-
pitel und gar die folgenden.
Gottlob, vor meinem Fenster erklingt ein Leierka-
sten mit lustigen Melodien! Mein trüber Kopf bedarf 
solcher Aufheiterung, besonders da ich jetzt meinen 
Besuch bei Seiner Exzellenz, dem Marchese Christo-
phoro di Gumpelino, zu beschreiben habe. Ich will 
diese rührende Geschichte ganz genau, wörtlich treu, 
in ihrer schmutzigsten Reinheit, mitteilen.
Es war schon spät, als ich die Wohnung des Mar-
chese erreichte. Als ich ins Zimmer trat, stand Hya-
zinth allein und putzte die goldenen Sporen seines 
Herrn, welcher, wie ich durch die halbgeöffnete Türe 
seines Schlafkabinetts sehen konnte, vor einer Ma-
donna und einem großen Kruzifixe auf den Knien lag.
Du mußt nämlich wissen, lieber Leser, daß der 
Marchese, dieser vornehme Mann, jetzt ein guter Ka-
tholik ist, daß er die Zeremonien der alleinseligma-
chenden Kirche streng ausübt und sich, wenn er in 
Rom ist, sogar einen eignen Kapellan hält, aus dem-
selben Grunde, weshalb er in England die besten 
Wettrenner und in Paris die schönste Tänzerin unter-
hielt.
»Herr Gumpel verrichtet jetzt sein Gebet« - flü-
sterte Hyazinth mit einem wichtigen Lächeln, und 
indem er nach dem Kabinette seines Herrn deutete, 
fügte er noch leiser hinzu: »So liegt er alle Abend 
zwei Stunden auf den Knien vor der Primadonna mit 
dem Jesuskind. Es ist ein prächtiges Kunstbild, und 
es kostet ihm sechshundert Franceskonis.«
»Und Sie, Herr Hyazinth, warum knien Sie nicht 
hinter ihm? Oder sind Sie etwa kein Freund von der 
katholischen Religion?«
»Ich bin ein Freund davon und bin auch wieder 
kein Freund davon«, antwortete jener mit bedenkli-
chem Kopfwiegen. »Es ist eine gute Religion für 
einen vornehmen Baron, der den ganzen Tag müßig 
gehen kann, und für einen Kunstkenner; aber es ist 
keine Religion für einen Hamburger, für einen Mann, 
der sein Geschäft hat, und durchaus keine Religion 
für einen Lotteriekollekteur. Ich muß jede Nummer, 
die gezogen wird, ganz exakt aufschreiben, und denke
ich dann zufällig an Bum! bum! bum!, an eine katho-
lische Glock', oder schwebelt es mir vor den Augen 
wie katholischer Weihrauch und ich verschreib mich 
und ich schreibe eine unrechte Zahl, so kann das 
größte Unglück daraus entstehen. Ich habe oft zu Her-
ren Gumpel gesagt: ›Ew. Exzellenz sind ein reicher 
Mann und können katholisch sein, soviel Sie wollen, 
und können sich den Verstand ganz katholisch einräu-
chern lassen und können so dumm werden wie eine 
katholische Glock', und Sie haben doch zu essen; ich 
aber bin ein Geschäftsmann und muß meine sieben 
Sinne zusammenhalten, um was zu verdienen.‹ Herr 
Gumpel meint freilich, es sei nötig für die Bildung, 
und wenn ich nicht katholisch würde, verstände ich 
nicht die Bilder, die zur Bildung gehören, nicht den 
Johann von Viehesel, den Corretschio, den 
Carratschio, den Carravatschio - aber ich habe immer
gedacht, der Corretschio und Carratschio und Carra-
vatschio können mir alle nichts helfen, wenn niemand
mehr bei mir spielt, und ich komme dann in die 
Patschio. Dabei muß ich Ihnen auch gestehen, Herr 
Doktor, daß mir die katholische Religion nicht einmal
Vergnügen macht, und als ein vernünftiger Mann 
müssen Sie mir recht geben. Ich sehe das Pläsier nicht
ein, es ist eine Religion, als wenn der liebe Gott, gott-
bewahre, eben gestorben wäre, und es riecht dabei 
nach Weihrauch, wie bei einem Leichenbegängnis, 
und dabei brummt eine so traurige Begräbnismusik, 
daß man die Melancholik bekömmt - ich sage Ihnen, 
es ist keine Religion für einen Hamburger.«
»Aber, Herr Hyazinth, wie gefällt Ihnen denn die 
protestantische Religion?«
»Die ist mir wieder zu vernünftig, Herr Doktor, 
und gäbe es in der protestantischen Kirche keine 
Orgel, so wäre sie gar keine Religion. Unter uns ge-
sagt, diese Religion schadet nichts und ist so rein wie 
ein Glas Wasser, aber sie hilft auch nichts. Ich habe 
sie probiert, und diese Probe kostet mich vier Mark 
vierzehn Schilling -«
»Wieso, mein lieber Herr Hyazinth?«
»Sehen, Herr Doktor, ich habe gedacht, das ist frei-
lich eine sehr aufgeklärte Religion, und es fehlt ihr an 
Schwärmerei und Wunder; indessen, ein bißchen 
Schwärmerei muß sie doch haben, ein ganz klein 
Wunderchen muß sie doch tun können, wenn sie sich 
für eine honette Religion ausgeben will. Aber wer soll
da Wunder tun, dacht ich, als ich mal in Hamburg 
eine protestantische Kirche besah, die zu der ganz 
kahlen Sorte gehörte, wo nichts als braune Bänke und
weiße Wände sind und an der Wand nichts als ein 
schwarz Täfelchen hängt, worauf ein halb Dutzend 
weiße Zahlen stehen. Du tust dieser Religion viel-
leicht unrecht, dacht ich wieder, vielleicht können 
diese Zahlen ebensogut ein Wunder tun wie ein Bild 
von der Muttergottes oder wie ein Knochen von ihrem
Mann, dem heiligen Joseph, und um der Sache auf 
den Grund zu kommen, ging ich gleich nach Altona 
und besetzte ebendiese Zahlen in der Altonaer Lotte-
rie, die Ambe besetzte ich mit acht Schilling, die 
Terne mit sechs, die Quaterne mit vier und die Quin-
terne mit zwei Schilling - Aber, ich versichere Sie auf
meine Ehre, keine einzige von den protestantischen 
Nummern ist herausgekommen. Jetzt wußte ich, was 
ich zu denken hatte, jetzt dacht ich, bleibt mir weg 
mit einer Religion, die gar nichts kann, bei der nicht 
einmal eine Ambe herauskömmt - werde ich so ein 
Narr sein, auf diese Religion, worauf ich schon vier 
Mark und vierzehn Schilling gesetzt und verloren 
habe, noch meine ganze Glückseligkeit zu setzen?«
»Die altjüdische Religion scheint Ihnen gewiß viel 
zweckmäßiger, mein Lieber?«
»Herr Doktor, bleiben Sie mir weg mit der altjüdi-
schen Religion, die wünsche ich nicht meinem ärgsten
Feind. Man hat nichts als Schimpf und Schande 
davon. Ich sage Ihnen, es ist gar keine Religion, son-
dern ein Unglück. Ich vermeide alles, was mich daran 
erinnern könnte, und weil Hirsch ein jüdisches Wort 
ist und auf deutsch Hyazinth heißt, so habe ich sogar 
den alten Hirsch laufen lassen und unterschreibe mich
jetzt: ›Hyazinth, Kollekteur, Operateur und Taxator‹. 
Dazu habe ich noch den Vorteil, daß schon ein H. auf 
meinem Petschaft steht und ich mir kein neues stechen
zu lassen brauche. Ich versichere Ihnen, es kommt auf
dieser Welt viel darauf an, wie man heißt; der Name 
tut viel. Wenn ich mich unterschreibe: ›Hyazinth, 
Kollekteur, Operateur und Taxator‹, so klingt das 
ganz anders, als schriebe ich ›Hirsch‹ schlechtweg, 
und man kann mich dann nicht wie einen gewöhnli-
chen Lump behandeln.«
»Mein lieber Herr Hyazinth! Wer könnte Sie so be-
handeln! Sie scheinen schon so viel für Ihre Bildung 
getan zu haben, daß man in Ihnen den gebildeten 
Mann schon erkennt, ehe Sie den Mund auftun, um zu
sprechen.«
»Sie haben recht, Herr Doktor, ich habe in der Bil-
dung Fortschritte gemacht wie eine Riesin. Ich weiß 
wirklich nicht, wenn ich nach Hamburg zurückkehre, 
mit wem ich dort umgehn soll; und was die Religion 
anbelangt, so weiß ich, was ich tue. Vorderhand aber 
kann ich mich mit dem neuen israelitischen Tempel 
noch behelfen; ich meine den reinen Mosaikgottes-
dienst, mit orthographischen deutschen Gesängen und
gerührten Predigten und einigen Schwärmereichen, 
die eine Religion durchaus nötig hat. So wahr mir 
Gott alles Gut's gebe, für mich verlange ich jetzt 
keine bessere Religion, und sie verdient, daß man sie 
unterstützt. Ich will das Meinige tun, und bin ich wie-
der in Hamburg, so will ich alle Sonnabend', wenn 
kein Ziehungstag ist, in den neuen Religiontempel 
gehen. Es gibt leider Menschen, die diesem neuen is-
raelitischen Gottesdienst einen schlechten Namen ma-
chen und behaupten, er gäbe, mit Respekt zu sagen, 
Gelegenheit zu einem Schisma - aber ich kann Ihnen 
versichern, es ist eine gute reinliche Religion, noch 
etwas zu gut für den gemeinen Mann, für den die alt-
jüdische Religion vielleicht noch immer sehr nützlich 
ist. Der gemeine Mann muß eine Dummheit haben, 
worin er sich glücklich fühlt, und er fühlt sich glück-
lich in seiner Dummheit. So ein alter Jude mit einem 
langen Bart und zerrissenem Rock, und der kein or-
thographisch Wort sprechen kann und sogar ein bi-
ßchen grindig ist, fühlt sich vielleicht innerlich glück-
licher als ich mich mit all meiner Bildung. Da wohnt 
in Hamburg, im Bäckerbreitengang, auf einem Sahl, 
ein Mann, der heißt Moses Lump, man nennt ihn auch
Moses Lümpchen oder kurzweg Lümpchen; der läuft 
die ganze Woche herum, in Wind und Wetter, mit sei-
nem Packen auf dem Rücken, um seine paar Mark zu 
verdienen; wenn der nun Freitag abends nach Hause 
kömmt, findet er die Lampe mit sieben Lichtern ange-
zündet, den Tisch weiß gedeckt, und er legt seinen 
Packen und seine Sorgen von sich und setzt sich zu 
Tisch mit seiner schiefen Frau und noch schieferen 
Tochter, ißt mit ihnen Fische, die gekocht sind in an-
genehm weißer Knoblauchsauce, singt dabei die 
prächtigsten Lieder vom König David, freut sich von 
ganzem Herzen über den Auszug der Kinder Israel 
aus Ägypten, freut sich auch, daß alle Bösewichter, 
die ihnen Böses getan, am Ende gestorben sind, daß 
König Pharao, Nebukadnezar, Haman, Antiochus, 
Titus und all solche Leute tot sind, daß Lümpchen 
aber noch lebt und mit Frau und Kind Fisch ißt - Und
ich sage Ihnen, Herr Doktor, die Fische sind delikat, 
und der Mann ist glücklich, er braucht sich mit keiner
Bildung abzuquälen, er sitzt vergnügt in seiner Reli-
gion und seinem grünen Schlafrock, wie Diogenes in 
seiner Tonne, er betrachtet vergnügt seine Lichter, die
er nicht einmal selbst putzt - Und ich sage Ihnen, 
wenn die Lichter etwas matt brennen und die Schab-
besfrau, die sie zu putzen hat, nicht bei der Hand ist 
und Rothschild der Große käme jetzt herein, mit all 
seinen Maklern, Diskonteuren, Spediteuren und Chefs
de Comptoir, womit er die Welt erobert, und er sprä-
che: ›Moses Lump, bitte dir eine Gnade aus, was du 
haben willst, soll geschehen‹ - Herr Doktor, ich bin 
überzeugt, Moses Lump würde ruhig antworten: ›Putz
mir die Lichter!‹, und Rothschild der Große würde 
mit Verwunderung sagen: ›Wär ich nicht Rothschild, 
so möchte ich so ein Lümpchen sein!‹«
Während Hyazinth solchermaßen, episch breit, 
nach seiner Gewohnheit, seine Ansichten entwickelte, 
erhob sich der Marchese von seinem Betkissen und 
trat zu uns, noch immer einige Paternoster durch die 
Nase schnurrend. Hyazinth zog jetzt den grünen Flor 
über das Madonnenbild, das oberhalb des Betpultes 
hing, löschte die beiden Wachskerzen aus, die davor 
brannten, nahm das kupferne Kruzifix herab, kam 
damit zu uns zurück und putzte es mit demselben 
Lappen und mit derselben spuckenden Gewissenhaf-
tigkeit, womit er eben auch die Sporen seines Herrn 
geputzt hatte. Dieser aber war wie aufgelöst in Hitze 
und weicher Stimmung; statt eines Oberkleides trug er
einen weiten, blauseidenen Domino mit silbernen 
Fransen, und seine Nase schimmerte wehmütig, wie 
ein verliebter Louisdor. »O Jesus!« - seufzte er, als er
sich in die Kissen des Sofas sinken ließ - »finden Sie 
nicht, Herr Doktor, daß ich heute abend sehr schwär-
merisch aussehe? Ich bin sehr bewegt, mein Gemüt ist
aufgelöst, ich ahne eine höhere Welt,

Das Auge sieht den Himmel offen,
Es schwelgt das Herz in Seligkeit!«

»Herr Gumpel, Sie müssen einnehmen« - unter-
brach Hyazinth die pathetische Deklamation -, »das 
Blut in Ihren Eingeweiden ist wieder schwindelig, ich 
weiß, was Ihnen fehlt -«
»Du weißt nicht« - seufzte der Herr.
»Ich sage Ihnen, ich weiß« - erwiderte der Diener 
und nickte mit seinem gutmütig betätigenden Gesicht-
chen -, »ich kenne Sie ganz durch und durch, ich 
weiß, Sie sind ganz das Gegenteil von mir, wenn Sie 
Durst haben, habe ich Hunger, wenn Sie Hunger 
haben, habe ich Durst; Sie sind zu korpulent und ich 
bin zu mager, Sie haben viel Einbildung, und ich 
habe desto mehr Geschäftssinn, ich bin ein Praktikus, 
und Sie sind ein Diarrhetikus, kurz und gut, Sie sind 
ganz mein Antipodex.«
»Ach Julia!« - seufzte Gumpelino - »wär ich der 
gelblederne Handschuh doch auf deiner Hand und 
küßte deine Wange! Haben Sie, Herr Doktor, jemals 
die Crelinger in ›Romeo und Julia‹ gesehen?«
»Freilich, und meine ganze Seele ist noch davon 
entzückt -«
»Nun dann« - rief der Marchese begeistert, und 
Feuer schoß aus seinen Augen und beleuchtete die 
Nase -, »dann verstehen Sie mich, dann wissen Sie, 
was es heißt, wenn ich Ihnen sage: Ich liebe! Ich will 
mich Ihnen ganz dekuvrieren. Hyazinth, geh mal hin-
aus -«
»Ich brauche gar nicht hinauszugehen« - sprach 
dieser verdrießlich -, »Sie brauchen sich vor mir 
nicht zu genieren, ich kenne auch die Liebe, und ich 
weiß schon -«
»Du weißt nicht!« rief Gumpelino.
»Zum Beweise, Herr Marchese, daß ich weiß, brau-
che ich nur den Namen Julia Maxfield zu nennen. Be-
ruhigen Sie sich, Sie werden wiedergeliebt - aber es 
kann Ihnen alles nichts helfen. Der Schwager Ihrer 
Geliebten läßt sie nicht aus den Augen und bewacht 
sie Tag und Nacht wie einen Diamant.«
»O ich Unglücklicher« - jammerte Gumpelino -, 
»ich liebe und bin wiedergeliebt, wir drücken uns 
heimlich die Hände, wir treten uns unterm Tisch auf 
die Füße, wir winken uns mit den Augen, und wir 
haben keine Gelegenheit! Wie oft stehe ich im Mond-
schein auf dem Balkon und bilde mir ein, ich wäre 
selbst die Julia, und mein Romeo oder mein Gumpe-
lino habe mir ein Rendezvous gegeben, und ich dekla-
miere, ganz wie die Crelinger:

›Komm Nacht! Komm Gumpelino, Tag in Nacht!
Denn du wirst ruhn auf Fittichen der Nacht,
Wie frischer Schnee auf eines Raben Rücken.
Komm, milde, liebevolle Nacht! Komm, gib
Mir meinen Romeo oder Gumpelino -‹

Aber ach! Lord Maxfield bewacht uns beständig, und 
wir sterben beide vor Sehnsuchtsgefühl! Ich werde 
den Tag nicht erleben, daß eine solche Nacht kommt, 
wo jedes reiner Jugend Blüte zum Pfande setzt, ge-
winnend zu verlieren! Ach! so eine Nacht wäre mir 
lieber, als wenn ich das Große Los in der Hamburger 
Lotterie gewönne.«
»Welche Schwärmerei!« - rief Hyazinth - »das 
Große Los, 100.000 Mark!«
»Ja, lieber als das Große Los« - fuhr Gumpelino 
fort - »wär mir so eine Nacht, und ach! sie hat mir 
schon oft eine solche Nacht versprochen, bei der er-
sten Gelegenheit, und ich hab mir schon gedacht, daß 
sie dann des Morgens deklamieren wird, ganz wie die 
Crelinger:

›Willst du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern.
Es war die Nachtigall und nicht die Lerche,
Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang.
Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.
Glaub, Lieber, mir, es war die Nachtigall.‹«

»Das Große Los für eine einzige Nacht!« - wieder-
holte unterdessen mehrmals Hyazinth und konnte sich
nicht zufriedengeben - »Ich habe eine große Mei-
nung, Herr Marchese, von Ihrer Bildung, aber daß Sie
es in der Schwärmerei so weit gebracht, hätte ich 
nicht geglaubt. Die Liebe sollte einem lieber sein als 
das Große Los! Wirklich, Herr Marchese, seit ich mit 
Ihnen Umgang habe, als Bedienter, habe ich mir 
schon viel Bildung angewöhnt; aber soviel weiß ich, 
nicht einmal ein Achtelchen vom Großen Los gäbe 
ich für die Liebe! Gott soll mich davor bewahren! 
Wenn ich auch rechne fünfhundert Mark Abzugsde-
kort, so bleiben doch noch immer zwölftausend Mark!
Die Liebe! Wenn ich alles zusammenrechne, was 
mich die Liebe gekostet hat, kommen nur zwölf Mark
und dreizehn Schilling heraus. Die Liebe! Ich habe 
auch viel Umsonstglück in der Liebe gehabt, was 
mich gar nichts gekostet hat; nur dann und wann habe
ich mal meiner Geliebten par complaisance die Hüh-
neraugen geschnitten. Ein wahres, gefühlvoll leiden-
schaftliches Attachement hatte ich nur ein einziges 
Mal, und das war die dicke Gudel vom Dreckwall. 
Die Frau spielte bei mir, und wenn ich kam, ihr das 
Los zu renovieren, drückte sie mir immer ein Stock 
Kuchen in die Hand, ein Stück sehr guten Kuchen; - 
auch hat sie mir manchmal etwas Eingemachtes gege-
ben und ein Likörchen dabei, und als ich ihr einmal 
klagte, daß ich mit Gemütsbeschwerden behaftet sei, 
gab sie mir das Rezept zu den Pulvern, die ihr eigner 
Mann braucht. Ich brauche die Pulver noch bis zur 
heutigen Stunde, sie tun immer ihre Wirkung - weite-
re Folgen hat unsere Liebe nicht gehabt. Ich dächte, 
Herr Marchese, Sie brauchten mal eins von diesen 
Pulvern. Es war mein erstes, als ich nach Italien kam, 
daß ich in Mailand nach der Apotheke ging und mir 
die Pulver machen ließ, und ich trage sie beständig 
bei mir. Warten Sie nur, ich will sie suchen, und 
wenn ich suche, so finde ich sie, und wenn ich sie 
finde, so müssen sie Ew. Exzellenz einnehmen.«
Es wäre zu weitläuftig, wenn ich den Kommentar 
wiederholen wollte, womit der geschäftige Sucher 
jedes Stück begleitete, das er aus seiner Tasche kram-
te. Da kam zum Vorschein: 1. ein halbes Wachslicht, 
2. ein silbernes Etui, worin die Instrumente zum 
Schneiden der Hühneraugen, 3. eine Zitrone, 4. eine 
Pistole, die, obgleich nicht geladen, dennoch mit Pa-
pier umwickelt war, vielleicht, damit ihr Anblick 
keine gefährliche Träume verursache, 5. eine gedruck-
te Liste von der letzten Ziehung der großen Hambur-
ger Lotterie, 6. ein schwarzledernes Büchlein, worin 
die Psalmen Davids und die ausstehenden Schulden, 
7. ein dürres Weidensträußchen, wie zu einem Knoten
verschlungen, 8. ein Päckchen, das mit verblichenem 
Rosataffet überzogen war und die Quittung eines 
Lotterieloses enthielt, das einst fünfzigtausend Mark 
gewonnen, 9 ein plattes Stock Brot, wie 
weißgebackner Schiffszwieback, mit einem kleinen 
Loch in der Mitte, und endlich 10. die obenerwähnten
Pulver, die der kleine Mann mit einer gewissen Rüh-
rung und mit seinem verwundert wehmütigen Kopf-
schütteln betrachtete.
»Wenn ich bedenke« - seufzte er -, »daß mir vor 
zehn Jahren die dicke Gudel dies Rezept gegeben und 
daß ich jetzt in Italien bin und dasselbe Rezept in 
Händen habe und wieder die Worte lese: Sal mirabile 
Glauberi, das heißt auf deutsch extra feines Glau-
bensalz von der besten Sorte - ach, da ist mir zumut, 
als hätte ich das Glaubensalz selbst schon eingenom-
men und als fühlte ich die Wirkung. Was ist der 
Mensch! Ich bin in Italien und denke an die dicke 
Gudel vom Dreckwall! Wer hätte das gedacht! Ich 
kann mir vorstellen, sie ist jetzt auf dem Lande, in 
ihrem Garten, wo der Mond scheint und gewiß auch 
eine Nachtigall singt oder eine Lerche -«
»Es ist die Nachtigall und nicht die Lerche!« seufz-
te Gumpelino dazwischen und deklamierte vor sich 
hin:

»Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort;
Glaub, Lieber, mir, es war die Nachtigall.«

»Das ist ganz einerlei« - fuhr Hyazinth fort -, 
»meinethalben ein Kanarienvogel, die Vögel, die man
im Garten hält, kosten am wenigsten. Die Hauptsache
ist das Treibhaus und die Tapeten im Pavillon und die
Staatsfiguren, die davorstehen, und da stehen, zum 
Beispiel, ein nackter General von den Göttern und die
Venus Urinia, die beide dreihundert Mark kosten. 
Mitten im Garten hat sich die Gudel auch eine Fon-
tenelle anlegen lassen - Und da steht sie vielleicht 
jetzt und pult sich die Nase und macht sich ein 
Schwärmereivergnügen und denkt an mich - Ach!«
Nach diesem Seufzer erfolgte eine sehnsüchtige 
Stille, die der Marchese endlich unterbrach, mit der 
schmachtenden Frage: »Sage mir auf deine Ehre, Hya-
zinth, glaubst du wirklich, daß dein Pulver wirken 
wird?«
»Es wird auf meine Ehre wirken«, erwiderte jener. 
»Warum soll es nicht wirken? Wirkt es doch bei mir! 
Und bin ich denn nicht ein lebendiger Mensch so gut 
wie Sie? Glaubensalz macht alle Menschen gleich, 
und wenn Rothschild Glaubensalz einnimmt, fühlt er 
dieselbe Wirkung wie das kleinste Maklerchen. Ich 
will Ihnen alles voraussagen: Ich schütte das Pulver 
in ein Glas, gieße Wasser dazu, rühre es, und sowie 
Sie das hinuntergeschluckt haben, ziehen Sie ein sau-
res Gesicht und sage: ›Prr! Prr!‹ Hernach hören Sie 
selbst, wie es in Ihnen herumkullert, und es ist Ihnen 
etwas kurios zumut, und Sie legen sich zu Bett, und 
ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Sie stehen wieder 
auf, und Sie legen sich wieder und stehen wieder auf 
und so fort, und den andern Morgen fühlen Sie sich 
leicht wie ein Engel mit weißen Flügeln, und Sie tan-
zen vor Gesundeswohlheit, nur ein bißchen blaß 
sehen Sie dann aus; aber ich weiß, Sie sehen gern 
schmachtend blaß aus, und wenn Sie schmachtend 
blaß aussehen, sieht man Sie gern.«
Obgleich Hyazinth solchermaßen zuredete und 
schon das Pulver bereitete, hätte das doch wenig ge-
fruchtet, wenn nicht dem Marchese plötzlich die Stel-
le, wo Julia den verhängnisvollen Trank einnimmt, in 
den Sinn gekommen wäre. »Was halten Sie, Doktor« 
- rief er -, »von der Müller in Wien? Ich habe sie als 
Julia gesehen, und Gott! Gott! wie spielt sie! Ich bin 
doch der größte Enthusiast für die Crelinger, aber die 
Müller, als sie den Becher austrank, hat mich hinge-
rissen. Sehen Sie« - sprach er, indem er mit tragi-
scher Gebärde das Glas, worin Hyazinth das Pulver 
geschüttet, zur Hand nahm -, »sehen Sie, so hielt sie 
den Becher und schauderte, daß man alles mitfühlte, 
wenn sie sagte:

›Kalt rieselt matter Schau'r durch meine Adern,
Der fast die Lebenswärm' erstarren macht!‹

Und so stand sie, wie ich jetzt stehe, und hielt den Be-
cher an die Lippen, und bei den Worten:

›Weile, Tybalt!
Ich komme, Romeo! Dies trink ich dir‹,

da leerte sie den Becher -«
»Wohl bekomme es Ihnen, Herr Gumpel!« sprach 
Hyazinth mit feierlichem Tone; denn der Marchese 
hatte in nachahmender Begeisterung das Glas ausge-
trunken und sich, erschöpft von der Deklamation, auf 
das Sofa hingeworfen.
Er verharrte jedoch nicht lange in dieser Lage; denn
es klopfte plötzlich jemand an die Türe, und herein 
trat Lady Maxfields kleiner Jockei, der dem Marche-
se, mit lächelnder Verbeugung, ein Billett überreichte 
und sich gleich wieder empfahl. Hastig erbrach jener 
das Billett; während er las, leuchteten Nase und 
Augen vor Entzücken, jedoch plötzlich überflog eine 
Geisterblässe sein ganzes Gesicht, Bestürzung zuckte 
in jeder Muskel, mit Verzweiflungsgebärden sprang 
er auf, lachte grimmig, rannte im Zimmer umher und 
schrie:

»Weh mir, ich Narr des Glücks!«

»Was ist? Was ist?« frug Hyazinth mit zitternder 
Stimme, und indem er krampfhaft das Kruzifix, woran
er wieder putzte, in zitternden Händen hielt - »Wer-
den wir diese Nacht über, fallen?«
»Was ist Ihnen, Herr Marchese«, frug ich, eben-
falls nicht wenig erstaunt.
»Lest! lest!« - rief Gumpelino, indem er uns das 
empfangene Billett hinwarf und immer noch verzweif-
lungsvoll im Zimmer umherrannte, wobei sein blauer 
Domino ihn wie eine Sturmwolke umflatterte - »Weh
mir, ich Narr des Glücks!«
In dem Billette aber lasen wir folgende Worte:

»Süßer Gumpelino! Sobald es tagt, muß ich 
nach England abreisen. Mein Schwager ist indes-
sen schon vorangeeilt und erwartet mich in Florenz.
Ich bin jetzt unbeobachtet, aber leider nur diese 
einzige Nacht - Laß uns diese benutzen, laß uns 
den Nektarkelch, den uns die Liebe kredenzt, bis 
auf den letzten Tropfen leeren. Ich harre, ich zitte-
re -
Julia Maxfield.«

»Weh mir, ich Narr des Glücks!« jammerte Gum-
pelino - »die Liebe will mir ihren Nektarkelch kre-
denzen, und ich, ach! ich Hansnarr des Glücks, ich 
habe schon den Becher des Glaubensalzes geleert! 
Wer bringt mir den schrecklichen Trank wieder aus 
dem Magen? Hülfe! Hülfe!«
»Hier kann kein irdischer Lebensmensch mehr hel-
fen«, seufzte Hyazinth.
»Ich bedauere Sie von ganzem Herzen«, kondolier-
te ich ebenfalls. »Statt eines Kelchs mit Nektar ein 
Glas mit Glaubersalz zu genießen, das ist bitter! Statt
des Thrones der Liebe harrt Ihrer jetzt der Stuhl der 
Nacht!«
»O Jesus! O Jesus« - schrie der Marchese noch 
immer - »Ich fühle, wie es durch alle meine Adern 
rinnt - O wackerer Apotheker! dein Trank wirkt 
schnell - aber ich lasse mich doch nicht dadurch ab-
halten, ich will zu ihr eilen, zu ihren Füßen will ich 
niedersinken und da verbluten!«
»Von Blut ist gar nicht die Rede« - begütigte Hya-
zinth -, »Sie haben ja keine Homeriden. Sein Sie nur 
nicht leidenschaftlich -«
»Nein, nein! ich will zu ihr hin, in ihren Armen - o
Nacht! O Nacht -«
»Ich sage Ihnen« - fuhr Hyazinth fort mit philoso-
phischer Gelassenheit -, »Sie werden in ihren Armen 
keine Ruhe haben, Sie werden zwanzigmal aufstehen 
müssen. Sein Sie nur nicht leidenschaftlich. Je mehr 
Sie im Zimmer auf und ab springen und je mehr Sie 
sich alterieren, desto schneller wirkt das Glaubensalz.
Ihr Gemüt spielt der Natur in die Hände. Sie müssen 
wie ein Mann tragen, was das Schicksal über Sie 
beschlossen hat. Daß es so gekommen ist, ist viel-
leicht gut, und es ist vielleicht gut, daß es so gekom-
men ist. Der Mensch ist ein irdisches Wesen und be-
greift nicht die Fügung der Göttlichkeit. Der Mensch 
meint oft, er ginge seinem Glück entgegen, und auf 
seinem Wege steht vielleicht das Unglück mit einem 
Stock, und wenn ein bürgerlicher Stock auf einen ade-
ligen Rücken kommt, so fühlt's der Mensch, Herr 
Marchese.«
»Weh mir, ich Narr des Glücks!« tobte noch immer
Gumpelino, sein Diener aber sprach ruhig weiter:
»Der Mensch erwartet oft einen Kelch mit Nektar, 
und er kriegt eine Prügelsuppe, und ist auch Nektar 
süß, so sind doch Prügel desto bitterer; und es ist 
noch ein wahres Glück, daß der Mensch, der den an-
dern prügelt, am Ende müde wird, sonst könnte es der
andere wahrhaftig nicht aushalten. Gefährlicher ist 
aber noch, wenn das Unglück mit Dolch und Gift, auf
dem Wege der Liebe, dem Menschen auflauert, so daß
er seines Lebens nicht sicher ist. Vielleicht, Herr Mar-
chese, ist es wirklich gut, daß es so gekommen ist, 
denn vielleicht wären Sie in der Hitze der Liebe zu 
der Geliebten hingelaufen, und auf dem Wege wäre 
ein kleiner Italiener mit einem Dolch, der sechs Bra-
banter Ellen lang ist, auf Sie losgerannt und hätte 
Sie - ich will meinen Mund nicht zum Bösen auftun 
- bloß in die Wade gestochen. Denn hier kann man 
nicht, wie in Hamburg, gleich die Wache rufen, und 
in den Apenninen gibt es keine Nachtwächter. Oder 
vielleicht gar« - fuhr der unerbittliche Tröster fort, 
ohne durch die Verzweiflung des Marchese sich im 
mindesten stören zu lassen -, »vielleicht gar, wenn 
Sie bei Lady Maxfield ganz wohl und warm säßen, 
käme plötzlich der Schwager von der Reise zurück 
und setzte Ihnen die geladene Pistole auf die Brust 
und ließe Sie einen Wechsel unterschreiben von hun-
derttausend Mark. Ich will meinen Mund nicht zum 
Bösen auftun, aber ich setze den Fall: Sie wären ein 
schöner Mensch, und Lady Maxfield wäre in Ver-
zweiflung, daß sie den schönen Menschen verlieren 
soll, und eifersüchtig, wie die Weiber sind, wollte sie 
nicht, daß eine andre sich nachher an Ihnen beglücke 
- Was tut sie? Sie nimmt eine Zitrone oder eine Oran-
ge und schüttet ein klein weiß Pülverchen hinein und 
sagt: ›Kühle dich, Geliebter, du hast dich heiß gelau-
fen‹ - und den andern Morgen sind Sie wirklich ein 
kühler Mensch. Da war ein Mann, der hieß Pieper, 
und der hatte eine Leidenschaftsliebe mit einer Mäd-
chenperson, die das Posaunenengelhannchen hieß, 
und die wohnte auf der Kaffemacherei, und der Mann 
wohnte in der Fuhlentwiete -«
»Ich wollte, Hirsch« - schrie wütend der Marche-
se, dessen Unruhe den höchsten Grad erreicht hatte -,
»ich wollt, dein Pieper von der Fuhlentwiete und sein 
Posaunenengel von der Kaffemacherei und du und die
Gudel, ihr hättet mein Glaubensalz im Leibe!«
»Was wollen Sie von mir, Herr Gumpel?« - ver-
setzte Hyazinth, nicht ohne Anflug von Hitze - »Was
kann ich dafür, daß Lady Maxfield just heut nacht ab-
reisen will und Sie just heute invitiert? Konnt ich das 
vorauswissen? Bin ich Aristoteles? Bin ich bei der 
Vorsehung angestellt? Ich habe bloß versprochen, daß
das Pulver wirken soll, und es wirkt so sicher, wie ich
einst selig werde, und wenn Sie so disparat und lei-
denschaftlich mit solcher Raserei hin und her laufen, 
so wird es noch schneller wirken -«
»So will ich mich ruhig hinsetzen!« ächzte Gumpe-
lino, stampfte den Boden, warf sich ingrimmig aufs 
Sofa, unterdrückte gewaltsam seine Wut, und Herr 
und Diener sahen sich lange schweigend an, bis jener 
endlich nach einem tiefen Seufzer und fast kleinlaut 
ihn anredete:
»Aber Hirsch, was soll die Frau von mir denken, 
wenn ich nicht komme? Sie wartet jetzt auf mich, sie 
harrt sogar, sie zittert, sie glüht vor Liebe -«
»Sie hat einen schönen Fuß« - sprach Hyazinth in 
sich hinein und schüttelte wehmütig sein Köpflein. In 
seiner Brust aber schien es sich gewaltig zu bewegen, 
unter seinem roten Rocke arbeitete sichtbar ein küh-
ner Gedanke -
»Herr Gumpel« - sprach es endlich aus ihm 
hervor -, »schicken Sie mich!«
Bei diesen Worten zog eine hohe Röte über das 
bläßliche Geschäftsgesicht.

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Reise von München nach Genua

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