Kapitel
XI-XX
Kapitel XI
Die Tiroler sind schön, heiter, ehrlich, brav und
von unergründlicher Geistesbeschränktheit. Sie sind
eine gesunde Menschenrasse, vielleicht weil sie zu
dumm sind, um krank sein zu können. Auch eine edle
Rasse möchte ich sie nennen, weil sie sich in ihren
Nahrungsmitteln sehr wählig und in ihren Gewöhnun-
gen sehr reinlich zeigen; nur fehlt ihnen ganz und gar
das Gefühl von der Würde der Persönlichkeit. Der Ti-
roler hat eine Sorte von lächelndem humoristischen
Servilismus, der fast eine ironische Färbung trägt,
aber doch grundehrlich gemeint ist. Die Frauenzim-
mer in Tirol begrüßen dich so zuvorkommend freund-
lich, die Männer drücken dir so derb die Hand und ge-
bärden sich dabei so putzig herzlich, daß du fast glau-
ben solltest, sie behandelten dich wie einen nahen
Verwandten, wenigstens wie ihresgleichen; aber weit
gefehlt, sie verlieren dabei nie aus dem Gedächtnis,
daß sie nur gemeine Leute sind und daß du ein vor-
nehmer Herr bist, der es gewiß gern sieht, wenn ge-
meine Leute ohne Blödigkeit sich zu ihm herauflas-
sen. Und darin haben sie einen naturrichtigen Instinkt;
die starrsten Aristokraten sind froh, wenn sie Gele-
genheit finden zur Herablassung, denn dadurch eben
fühlen sie, wie hoch sie gestellt sind. Zu Hause üben
die Tiroler diesen Servilismus gratis, in der Fremde
suchen sie auch noch dadurch zu lukrieren. Sie geben
ihre Persönlichkeit preis, ihre Nationalität. Diese bun-
ten Deckenverkäufer, diese muntern Tiroler Bua, die
wir in ihrem Nationalkostüm herumwandern sehen,
lassen gern ein Späßchen mit sich treiben, aber du
mußt ihnen auch etwas abkaufen. Jene Geschwister
Rainer, die in England gewesen, haben es noch besser
verstanden, und sie hatten noch obendrein einen guten
Ratgeber, der den Geist der englischen Nobility gut
kannte. Daher ihre gute Aufnahme im Foyer der euro-
päischen Aristokratie, in the west end of the town. Als
ich vorigen Sommer in den glänzenden Konzertsälen
der Londoner fashionablen Welt diese Tiroler Sänger,
gekleidet in ihre heimatliche Volkstracht, das Schau-
gerüst betreten sah und von da herab jene Lieder
hörte, die in den Tiroler Alpen so naiv und fromm ge-
jodelt werden und uns auch ins norddeutsche Herz so
lieblich hinabklingen - da verzerrte sich alles in mei-
ner Seele zu bitterem Unmut, das gefällige Lächeln
vornehmer Lippen stach mich wie Schlangen, es war
mir, als sähe ich die Keuschheit des deutschen Wortes
aufs roheste beleidigt und die süßesten Mysterien des
deutschen Gemütlebens vor fremdem Pöbel profa-
niert. Ich habe nicht mitklatschen können bei dieser
schamlosen Verschacherung des Verschämtesten, und
ein Schweizer, der gleichfühlend mit mir den Saal
verließ, bemerkte ganz richtig: »Wir Schwyzer geben
auch viel fürs Geld, unsere besten Käse und unser be-
stes Blut, aber das Alphorn können wir in der Fremde
kaum blasen hören, viel weniger es selbst blasen für
Geld.«
Kapitel XII
Tirol ist sehr schön, aber die schönsten Landschaf-
ten können uns nicht entzücken bei trüber Witterung
und ähnlicher Gemütsstimmung. Diese ist bei mir
immer die Folge von jener, und da es draußen regnete,
so war auch in mir schlechtes Wetter. Nur dann und
wann durfte ich den Kopf zum Wagen hinausstrecken,
und dann schaute ich himmelhohe Berge, die mich
ernsthaft ansahen und mir mit den ungeheuern Häup-
tern und langen Wolkenbärten eine glückliche Reise
zunickten. Hie und da bemerkte ich auch ein fern-
blaues Berglein, das sich auf die Fußzehen zu stellen
schien und den anderen Bergen recht neugierig über
die Schultern blickte, wahrscheinlich, um mich zu
sehen. Dabei kreischten überall die Waldbäche, die
sich wie toll von den Höhen herabstürzten und in den
dunkeln Talstrudeln versammelten. Die Menschen
steckten in ihren niedlichen, netten Häuschen, die
über der Halde, an den schroffsten Abhängen und bis
auf die Bergspitzen zerstreut liegen; niedliche, nette
Häuschen, gewöhnlich mit einer langen, balkonarti-
gen Galerie, und diese wieder mit Wäsche, Heiligen-
bildchen, Blumentöpfen und Mädchengesichtern aus-
geschmückt. Auch hübsch bemalt sind diese Häus-
chen, meistens weiß und grün, als trügen sie ebenfalls
die Tiroler Landestracht, grüne Hosenträger über dem
weißen Hemde. Wenn ich solch Häuschen im einsa-
men Regen liegen sah, wollte mein Herz oft ausstei-
gen und zu den Menschen gehen, die gewiß trocken
und vergnügt da drinnen saßen. Da drinnen, dacht ich,
muß sich's recht lieb und innig leben lassen, und die
alte Großmutter erzählt gewiß die heimlichsten Ge-
schichten. Während der Wagen unerbittlich vorbei-
fuhr, schaut ich noch oft zurück, um die bläulichen
Rauchsäulen aus den kleinen Schornsteinen steigen zu
sehen, und es regnete dann immer stärker, außer mir
und in mir, daß mir fast die Tropfen aus den Augen
herauskamen.
Oft hob sich auch mein Herz, und trotz dem
schlechten Wetter klomm es zu den Leuten, die ganz
oben auf den Bergen wohnen und vielleicht kaum ein-
mal im Leben herabkommen und wenig erfahren von
dem, was hier unten geschieht. Sie sind deshalb um
nichts minder fromm und glücklich. Von der Politik
wissen sie nichts, als daß sie einen Kaiser haben, der
einen weißen Rock und rote Hosen trägt; das hat
ihnen der alte Ohm erzählt, der es selbst in Innsbruck
gehört von dem schwarzen Sepperl, der in Wien ge-
wesen. Als nun die Patrioten zu ihnen hinaufkletterten
und ihnen beredsam vorstellten, daß sie jetzt einen
Fürsten bekommen, der einen blauen Rock und weiße
Hosen trage, da griffen sie zu ihren Büchsen und
küßten Weib und Kind und stiegen von den Bergen
hinab und ließen sich totschlagen für den weißen
Rock und die lieben alten roten Hosen.
Im Grunde ist es auch dasselbe, für was man
stirbt, wenn nur für etwas Liebes gestorben wird, und
so ein warmer, treuer Tod ist besser als ein kaltes,
treuloses Leben. Schon allein die Lieder von einem
solchen Tode, die süßen Reime und lichten Worte er-
wärmen unser Herz, wenn feuchte Nebelluft und zu-
dringliche Sorgen es betrüben wollen.
Viel solcher Lieder klangen durch mein Herz, als
ich über die Berge Tirols dahinfuhr. Die traulichen
Tannenwälder rauschten mir so manch vergessenes
Liebeswort ins Gedächtnis zurück. Besonders wenn
mich die großen blauen Bergseen so unergründlich
sehnsüchtig anschauten, dann dachte ich wieder an
die beiden Kinder, die sich so liebgehabt und zusam-
men gestorben sind. Es ist eine veraltete Geschichte,
die auch jetzt niemand mehr glaubt und die ich selbst
nur aus einigen Liederreimen kenne.
Es waren zwei Königskinder,
Die hatten einander so lieb,
Sie konnten beisammen nicht kommen,
Das Wasser war viel zu tief -
Diese Worte fingen von selbst wieder an, in mir zu
klingen, als ich, bei einem von jenen blauen Seen, am
jenseitigen Ufer einen kleinen Knaben und am dies-
seitigen ein kleines Mädchen stehen sah, die beide in
der bunten Volkstracht, mit bebänderten, grünen
Spitzhütchen auf dem Kopfe, gar wunderlieblich ge-
kleidet waren und sich hinüber und herüber grüßten -
Sie konnten beisammen nicht kommen,
Das Wasser war viel zu tief.
Kapitel XIII
Im südlichen Tirol klärte sich das Wetter auf, die
Sonne von Italien ließ schon ihre Nähe fühlen, die
Berge wurden wärmer und glänzender, ich sah schon
Weinreben, die sich daran hinaufrankten, und ich
konnte mich schon öfter zum Wagen hinauslehnen.
Wenn ich mich aber zum Wagen hinauslehne, so
lehnt sich mein Herz mit mir hinaus und mit dem Her-
zen all seine Liebe, seine Wehmut und seine Torheit.
Es ist mir oft geschehen, daß das arme Herz dadurch
von den Dornen zerrissen wurde, wenn es sich nach
den Rosenbüschen, die am Wege blühten, hinaus-
lehnte, und die Rosen Tirols sind nicht häßlich. Als
ich durch Steinach fuhr und den Markt besah, worauf
Immermann den Sandwirt Hofer mit seinen Gesellen
auftreten läßt, da fand ich, daß der Markt für eine In-
surgentenversammlung viel zu klein wäre, aber noch
immer groß genug ist, um sich darauf zu verlieben. Es
sind da nur ein paar weiße Häuschen, und aus einem
kleinen Fenster guckte eine kleine Sandwirtin und
zielte und schoß aus ihren großen Augen; - wäre der
Wagen nicht schnell vorübergerollt und hätte sie Zeit
gehabt, noch einmal zu laden, so wäre ich gewiß ge-
schossen. Ich rief: »Kutscher, fahr zu, mit einer sol-
chen Schön-Elsy ist nicht zu spaßen; die steckt einem
das Haus über dem Kopf in Brand.« Als gründlicher
Reisender muß ich auch anführen, daß die Frau Wir-
tin in Sterzing zwar selbst eine alte Frau ist, aber
dafür zwei junge Töchterlein hat, die einem das Herz,
wenn es ausgestiegen ist, durch ihren Anblick recht
wohltätig erwärmen. Aber dich darf ich nicht verges-
sen, du Schönste von allen, du schöne Spinnerin an
den Marken Italiens! O hättest du mir, wie Ariadne
dem Theseus, den Faden deines Gespinstes gegeben,
um mich zu leiten durch das Labyrinth dieses Lebens,
jetzt wäre der Minotaurus schon besiegt, und ich
würde dich lieben und küssen und niemals verlassen!
»Es ist ein gutes Zeichen, wenn die Weiber lä-
cheln«, sagt ein chinesischer Schriftsteller, und ein
deutscher Schriftsteller war ebendieser Meinung, als
er in Südtirol, wo Italien beginnt, einem Berge vor-
beikam, an dessen Fuße, auf einem nicht sehr hohen
Steindamm, eines von jenen Häuschen stand, die mit
ihrer traulichen Galerie und ihren naiven Malereien
uns so lieblich ansehen. Auf der einen Seite stand ein
großes hölzernes Kruzifix, das einem jungen Wein-
stock als Stütze diente, so daß es fast schaurig heiter
aussah, wie das Leben den Tod, die saftig grünen
Reben den blutigen Leib und die gekreuzigten Arme
und Beine des Heilands umrankten. Auf der anderen
Seite des Häuschens stand ein runder Taubenkofen,
dessen gefiedertes Völkchen flog hin und her, und
eine ganz besonders anmutig weiße Taube saß auf
dem hübschen Spitzdächlein, das, wie die fromme
Steinkrone einer Heiligennische, über dem Haupte der
schönen Spinnerin hervorragte. Diese saß auf der
kleinen Galerie und spann, nicht nach der deutschen
Spinnradmethode, sondern nach jener uralten Weise,
wo ein flachsumzogener Wocken unter dem Arme ge-
halten wird und der abgesponnene Faden an der frei
hängenden Spindel hinunterläuft. So spannen die Kö-
nigstöchter in Griechenland, so spinnen noch jetzt die
Parzen und alle Italienerinnen. Sie spann und lächelte,
unbeweglich saß die Taube über ihrem Haupte, und
über dem Hause selbst ragten hinten die hohen Berge,
deren Schneegipfel die Sonne beschien, daß sie aussa-
hen wie eine ernste Schutzwache von Riesen mit blan-
ken Helmen auf den Häuptern.
Sie spann und lächelte, und ich glaube, sie hat
mein Herz festgesponnen, während der Wagen etwas
langsamer vorbeifuhr wegen des breiten Stromes der
Eisach, die auf der andern Seite des Wegs dahin-
schoß. Die lieben Züge kamen mir den ganzen Tag
nicht aus dem Gedächtnis, überall sah ich jenes holde
Antlitz, das ein griechischer Bildbauer aus dem Dufte
einer weißen Rose geformt zu haben schien, ganz so
hingehaucht zart, so überselig edel, wie er es viel-
leicht einst als Jüngling geträumt in einer blühenden
Frühlingsnacht. Die Augen freilich hätte kein Grieche
erträumen und noch weniger begreifen können. Ich
aber sah sie und begriff sie, diese romantischen Ster-
ne, die so zauberhaft die antike Herrlichkeit beleuch-
teten. Den ganzen Tag sah ich diese Augen, und ich
träumte davon in der folgenden Nacht. Da saß sie
wieder und lächelte, die Tauben flatterten hin und her
wie Liebesengel, auch die weiße Taube über ihrem
Haupte bewegte mystisch die Flügel, hinter ihr hoben
sich immer gewaltiger die behelmten Wächter, vor ihr
hin jagte der Bach, immer stürmischer und wilder, die
Weinreben umrankten mit ängstlicher Hast das ge-
kreuzigte Holzbild, das sich schmerzlich regte und die
leidenden Augen öffnete und aus den Wunden blute-
te - sie aber spann und lächelte, und an dem Faden
ihres Wockens, gleich einer tanzenden Spindel, hing
mein eigenes Herz.
Kapitel XIV
Während die Sonne immer schöner und herrlicher
aus dem Himmel hervorblühte und Berg und Burgen
mit Goldschleiern umkleidete, wurde es auch in mei-
nem Herzen immer heißer und leuchtender, ich hatte
wieder die ganze Brust voll Blumen, und diese sproß-
ten hervor und wuchsen mir gewaltig über den Kopf,
und durch die eignen Herzblumen hindurch lächelte
wies der himmlisch die schöne Spinnerin. Befangen
in solchen Träumen, selbst ein Traum, kam ich nach
Italien, und da ich während der Reise schon ziemlich
vergessen hatte, daß ich dorthin reiste, so erschrak ich
fast, als mich all die großen italienischen Augen
plötzlich ansahen und das buntverwirrte italienische
Leben mir leibhaftig, heiß und summend, entgegen-
strömte.
Es geschah dieses aber in der Stadt Trient, wo ich
an einem schönen Sonntag des Nachmittags ankam,
zur Zeit, wo die Hitze sich legt und die Italiener auf-
stehen und in den Straßen auf und ab spazieren. Diese
Stadt liegt alt und gebrochen in einem weiten Kreise
von blühend grünen Bergen, die, wie ewig junge Göt-
ter, auf das morsche Menschenwerk herabsehen. Ge-
brochen und morsch liegt daneben auch die hohe
Burg, die einst die Stadt beherrschte, ein abenteuerli-
cher Bau aus abenteuerlicher Zeit, mit Spitzen,
Vorsprüngen, Zinnen und mit einem breitrunden
Turm, worin nur noch Eulen und östreichische Invali-
den hausen. Auch die Stadt selbst ist abenteuerlich
gebaut, und wundersam wird einem zu Sinn beim er-
sten Anblick dieser uraltertümlichen Häuser mit ihren
verblichenen Freskos, mit ihren zerbröckelten Heili-
genbildern, mit ihren Türmchen, Erkern, Gitterfen-
sterchen und jenen hervorstehenden Giebeln, die
estradenartig auf grauen alterschwachen Pfeilern
ruhen, welche selbst einer Stütze bedürften. Solcher
Anblick wäre allzu wehmütig, wenn nicht die Natur
diese abgestorbenen Steine mit neuem Leben erfrisch-
te, wenn nicht süße Weinreben jene gebrechlichen
Pfeiler, wie die Jugend das Alter, innig und zärtlich
umrankten und wenn nicht noch süßere Mädchenge-
sichter aus jenen trüben Bogenfenstern hervorguckten
und über den deutschen Fremdling lächelten, der, wie
ein schlafwandelnder Träumer, durch die blühenden
Ruinen einherschwankt.
Ich war wirklich wie im Traum, wie in einem Trau-
me, wo man sich auf irgend etwas besinnen will, was
man ebenfalls einmal geträumt hat. Ich betrachtete ab-
wechselnd die Häuser und die Menschen, und ich
meinte fast, diese Häuser hätte ich einst in ihren bes-
seren Tagen gesehen, als ihre hübschen Malereien
noch farbig glänzten, als die goldenen Zieraten an den
Fensterfriesen noch nicht so geschwärzt waren und als
die marmorne Madonna, die das Kind auf dem Arme
trägt, noch ihren wunderschönen Kopf aufhatte, den
jetzt die bilderstürmende Zeit so pöbelhaft abgebro-
chen. Auch die Gesichter der alten Frauen schienen
mir so bekannt, es kam mir vor, als wären sie heraus-
geschnitten aus jenen altitalienischen Gemälden, die
ich einst als Knabe in der Düsseldorfer Galerie gese-
hen habe. Ebenfalls die alten Männer schienen mir so
längstvergessen wohlbekannt, und sie schauten mich
an mit ernsten Augen, wie aus der Tiefe eines Jahrtau-
sends. Sogar die kecken jungen Mädchen hatten so
etwas jahrtausendlich Verstorbenes und doch wieder
blühend Aufgelebtes, daß mich fast ein Grauen an-
wandelte, ein süßes Grauen, wie ich es einst gefühlt,
als ich in der einsamen Mitternacht meine Lippen
preßte auf die Lippen Marias, einer wunderschönen
Frau, die damals gar keinen Fehler hatte, außer daß
sie tot war. Dann aber mußt ich wieder über mich
selbst lächeln, und es wollte mich bedünken, als sei
die ganze Stadt nichts anderes als eine hübsche No-
velle, die ich einst einmal gelesen, ja, die ich selbst
gedichtet, und ich sei jetzt in mein eigenes Gedicht
hineingezaubert worden und erschräke vor den Gebil-
den meiner eigenen Schöpfung. Vielleicht auch, dacht
ich, ist das Ganze wirklich nur ein Traum, und ich
hätte herzlich gern einen Taler für eine einzige Ohrfei-
ge gegeben, bloß um dadurch zu erfahren, ob ich
wachte oder schlief.
Wenig fehlte, und ich hätte diesen Artikel noch
wohlfeiler eingehandelt, als ich an der Ecke des
Marktes über die dicke Obstfrau hinstolperte. Sie be-
gnügte sich aber damit, mir einige wirkliche Feigen
an die Ohren zu werfen, und ich gewann dadurch die
Überzeugung, daß ich mich in der wirklichsten Wirk-
lichkeit befand, mitten auf dem Marktplatz von Tri-
ent, neben dem großen Brunnen, aus dessen kupfer-
nen Tritonen und Delphinen die silberklaren Wasser
gar lieblich ermunternd emporsprangen. Links stand
ein alter Palazzo, dessen Wände mit bunt allegori-
schen Figuren bemalt waren und auf dessen Terrasse
einige grau östreichische Soldaten zum Heldentume
abgerichtet wurden. Rechts stand ein gotisch-lombar-
disch kapriziöses Häuslein, in dessen Innerm eine
süße, flatterhafte Mädchenstimme so keck und lustig
trillerte, daß die verwitterten Mauern vor Vergnügen
oder Baufälligkeit zitterten, während oben aus dem
Spitzfenster eine schwarze, labyrinthisch gekräuselte,
komödiantenhafte Frisur herausguckte, worunter ein
scharfgezeichnetes, dünnes Gesicht hervortrat, das nur
auf der linken Wange geschminkt war und daher aus-
sah wie ein Pfannkuchen, der erst auf einer Seite ge-
backen ist. Vor mir aber, in der Mitte, stand der uralte
Dom, nicht groß, nicht düster, sondern wie ein heite-
rer Greis, recht bejahrt zutraulich und einladend.
Kapitel XV
Als ich den grünseidenen Vorhang, der den Ein-
gang des Doms bedeckte, zurückschob und eintrat in
das Gotteshaus, wurde mir Leib und Herz angenehm
erfrischt von der lieblichen Luft, die dort wehte, und
von dem besänftigend magischen Lichte, das durch
die buntbemalten Fenster auf die betende Versamm-
lung herabfloß. Es waren meistens Frauenzimmer, in
lange Reihen hingestreckt auf den niedrigen Betbän-
ken. Sie beteten bloß mit leiser Lippenbewegung und
fächerten sich dabei beständig mit großen grünen Fä-
chern, so daß man nichts hörte als ein unaufhörlich
heimliches Wispern und nichts sah als Fächerschlag
und wehende Schleier. Der knarrende Tritt meiner
Stiefeln störte manche schöne Andacht, und große ka-
tholische Augen sahen mich an, halb neugierig, halb
liebwillig, und mochten mir wohl raten, mich eben-
falls hinzustrecken und Seelensieste zu halten.
Wahrlich, ein solcher Dom mit seinem gedämpften
Lichte und seiner wehenden Kühle ist ein angenehmer
Aufenthalt, wenn draußen greller Sonnenschein und
drückende Hitze. Davon hat man gar keinen Begriff in
unserem protestantischen Norddeutschland! wo die
Kirchen nicht so komfortabel gebaut sind und das
Licht so frech durch die unbemalten Vernunftscheiben
hineinschießt und selbst die kühlen Predigten vor der
Hitze nicht genug schützen. Man mag sagen, was man
will, der Katholizismus ist eine gute Sommerreligion.
Es läßt sich gut liegen auf den Bänken dieser alten
Dome, man genießt dort die kühle Andacht, ein heili-
ges Dolcefarniente, man betet und träumt und sündigt
in Gedanken, die Madonnen nicken so verzeihend aus
ihren Nischen, weiblich gesinnt, verzeihen sie sogar,
wenn man ihre eignen holden Züge in die sündigen
Gedanken verflochten hat, und zum Überfluß steht
noch in jeder Ecke ein brauner Notstuhl des Gewis-
sens, wo man sich seiner Sünden entledigen kann.
In einem solchen Stuhle saß ein junger Mönch mit
ernster Miene, das Gesicht der Dame, die ihm ihre
Sünden beichtete, war mir aber teils durch ihren wei-
ßen Schleier, teils durch das Seitenbrett des Beicht-
stuhls verborgen. Doch kam außerhalb desselben eine
Hand zum Vorschein, die mich gleichsam festhielt.
Ich konnte nicht aufhören, diese Hand zu betrachten;
das bläuliche Geäder und der vornehme Glanz der
weißen Finger war mir so befremdlich wohlbekannt,
und alle Traumgewalt meiner Seele kam in Bewe-
gung, um ein Gesicht zu bilden, das zu dieser Hand
gehören konnte. Es war eine schöne Hand, und nicht,
wie man sie bei jungen Mädchen findet, die, halb
Lamm, halb Rose, nur gedankenlose, vegetabil ani-
malische Hände haben, sie hatte vielmehr so etwas
Geistiges, so etwas geschichtlich Reizendes, wie die
Hände von schönen Menschen, die sehr gebildet sind
oder viel gelitten haben. Diese Hand hatte dabei auch
so etwas rührend Unschuldiges, daß es schien, als ob
sie nicht mitzubeichten brauche und auch nicht hören
wolle, was ihre Eigentümerin beichtete, und gleich-
sam draußen warte, bis diese fertig sei. Das dauerte
aber lange; die Dame mußte viele Sünden zu erzählen
haben. Ich konnte nicht länger warten, meine Seele
drückte einen unsichtbaren Abschiedskuß auf die
schöne Hand, diese zuckte in demselben Momente,
und zwar so eigentümlich, wie die Hand der toten
Maria zu zucken pflegte, wenn ich sie berührte. Um
Gottes willen, dacht ich, was tut die tote Maria in Tri-
ent? - und ich eilte aus dem Dome.
Kapitel XVI
Als ich wieder über den Marktplatz ging, grüßte
mich an der Ecke die bereits erwähnte Obstfrau recht
freundlich und recht zutraulich, als wären wir alte Be-
kannte. Gleichviel, dacht ich, wie man eine Bekannt-
schaft macht, wenn man nur miteinander bekannt
wird. Ein paar an die Ohren geworfene Feigen sind
zwar nicht immer die beste Introduktion; aber ich und
die Obstfrau sahen uns jetzt doch so freundlich an, als
hätten wir uns wechselseitig die besten
Empfehlungsschreiben überreicht. Die Frau hatte
auch keineswegs ein übles Aussehn. Sie war freilich
schon etwas in jenem Alter, wo die Zeit unsere
Dienstjahre mit fatalen Chevets auf die Stirne an-
zeichnet; jedoch dafür war sie auch desto korpulenter,
und was sie an Jugend eingebüßt, das hatte sie an Ge-
wicht gewonnen. Dazu trug ihr Gesicht noch immer
die Spuren großer Schönheit, und wie auf alten Töp-
fen stand darauf geschrieben: »Lieben und geliebt zu
werden ist das größte Glück auf Erden.« Was ihr aber
den köstlichsten Reiz verlieh, das war die Frisur, die
gekräuselten Locken, kreideweiß gepudert, mit Poma-
de reichlich gedüngt und idyllisch mit weißen
Glockenblumen durchschlungen. Ich betrachtete diese
Frau mit derselben Aufmerksamkeit, wie irgend ein
Antiquar seine ausgegrabenen Marmortorsos betrach-
tet, ich konnte an jener lebenden Menschenruine noch
viel mehr studieren, ich konnte die Spuren aller Zivili-
sationen Italiens an ihr nachweisen, der etruskischen,
römischen, gotischen, lombardischen, bis herab auf
die gepudert moderne, und recht interessant war mir
das zivilisierte Wesen dieser Frau im Kontrast mit
Gewerb und leidenschaftlicher Gewöhnung. Nicht
minder interessant waren mir die Gegenstände ihres
Gewerbes, die frischen Mandeln, die ich noch nie in
ihrer ursprünglich grünen Schale gesehn, und die duf-
tig frischen Feigen, die hochaufgeschüttet lagen, wie
bei uns die Birnen. Auch die großen Körbe mit fri-
schen Zitronen und Orangen ergötzten mich; und
wunderlieblicher Anblick! in einem leeren Korbe da-
neben lag ein bildschöner Knabe, der ein kleines
Glöckchen in den Händen hielt und, während jetzt die
große Domglocke läutete, zwischen jedem Schlag
derselben mit seinem kleinen Glöckchen klingelte und
dabei so weltvergessen selig in den blauen Himmel
hineinlächelte, daß mir selbst wieder die drolligste
Kinderlaune im Gemüte aufstieg und ich mich, wie
ein Kind, vor die lachenden Körbe hinstellte und
naschte und mit der Obstfrau diskurierte.
Wegen meines gebrochenen Italienischsprechens
hielt sie mich im Anfang für einen Engländer; aber
ich gestand ihr, daß ich nur ein Deutscher sei. Sie
machte sogleich viele geographische, ökonomische,
hortologische, klimatische Fragen über Deutschland
und wunderte sich, als ich ihr ebenfalls gestand, daß
bei uns keine Zitronen wachsen, daß wir die wenigen
Zitronen, die wir aus Italien bekommen, sehr pressen
müssen, wenn wir Punsch machen, und daß wir dann
aus Verzweiflung desto mehr Rum zugießen. »Ach,
liebe Frau!« sagte ich ihr, »in unserem Lande ist es
sehr frostig und feucht, unser Sommer ist nur ein grün
angestrichener Winter, sogar die Sonne muß bei uns
eine Jacke von Flanell tragen, wenn sie sich nicht er-
kälten will; bei diesem gelben Flanellsonnenschein
können unsere Früchte nimmermehr gedeihen, sie
sehen verdrießlich und grün aus, und unter uns ge-
sagt, das einzige reife Obst, das wir haben, sind ge-
bratene Äpfel. Was die Feigen betrifft, so müssen wir
sie ebenfalls, wie die Zitronen und Orangen, aus frem-
den Ländern beziehen, und durch das lange Reisen
werden sie dumm und mehlig; nur die schlechteste
Sorte können wir frisch aus der ersten Hand bekom-
men, und diese ist so bitter, daß, wer sie umsonst be-
kommt, noch obendrein eine Realinjurienklage an-
stellt. Von den Mandeln haben wir bloß die ge-
schwollenen. Kurz, uns fehlt alles edle Obst, und wir
haben nichts als Stachelbeeren, Birnen, Haselnüsse,
Zwetschen und dergleichen Pöbel.«
Kapitel XVII
Ich freute mich wirklich, schon gleich bei meiner
Ankunft in Italien eine gute Bekanntschaft gemacht zu
haben, und hätten mich nicht wichtige Gefühle nach
Süden gezogen, so wäre ich vorderhand in Trient ge-
blieben, bei der guten Obstfrau, bei den guten Feigen
und Mandeln, bei dem kleinen Glöckner und, soll ich
die Wahrheit sagen, bei den schönen Mädchen, die
rudelweise vorbeiströmten. Ich weiß nicht, ob andere
Reisende hier das Beiwort »schön« billigen werden;
mir aber gefielen die Trienterinnen ganz ausnehmend
gut. Es war just die Sorte, die ich liebe: - und ich
liebe diese blassen, elegischen Gesichter, wo die gro-
ßen, schwarzen Augen so liebeskrank herausstrahlen;
ich liebe auch den dunkeln Teint jener stolzen Hälse,
die schon Phöbus geliebt und braungeküßt hat; ich
liebe sogar jene überreife Nacken, worin purpurne
Pünktchen, als hätten lüsterne Vögel daran gepickt;
vor allem aber liebe ich jenen genialen Gang, jene
stumme Musik des Leibes, jene Glieder, die sich in
den süßesten Rhythmen bewegen, üppig, schmieg-
sam, göttlich liederlich, sterbefaul, dann wieder äthe-
risch erhaben und immer hochpoetisch. Ich liebe der-
gleichen, wie ich die Poesie selbst liebe, und diese
melodisch bewegten Gestalten, dieses wunderbare
Menschenkonzert, das an mir vorüberrauschte, fand
sein Echo in meinem Herzen und weckte darin die
verwandten Töne.
Es war jetzt nicht mehr die Zaubermacht der ersten
Überraschung, die Märchenhaftigkeit der wildfremden
Erscheinung, es war schon der ruhige Geist, der, wie
ein wahrer Kritiker ein Gedicht liest, jene Frauenbil-
der mit entzückt besonnenem Auge betrachtete. Und
bei solcher Betrachtung entdeckt man viel, viel Trü-
bes, den Reichtum der Vergangenheit, die Armut der
Gegenwart und den zurückgebliebenen Stolz. Gern
möchten die Töchter Trients sich noch schmücken wie
zu den Zeiten des Konziliums, wo die Stadt blühte in
Samt und Seide; aber das Konzilium hat wenig ausge-
richtet, der Samt ist abgeschabt, die Seide zerfetzt,
und den armen Kindern blieb nichts als kümmerlicher
Flitterstaat, den sie in der Woche ängstlich schonen
und womit sie sich nur noch des Sonntags putzen.
Manche aber entbehren auch dieser Reste eines ver-
schollenen Luxus und müssen sich mit allerlei ordinä-
ren und wohlfeilen Fabrikaten unsers Zeitalters behel-
fen. Da gibt es nun gar rührende Kontraste zwischen
Leib und Kleid; der feingeschnittene Mund scheint
fürstlich gebieten zu dürfen und wird höhnisch über-
schattet von einem armseligen Basthut mit zerknitter-
ten Papierblumen, der stolzeste Busen wogt in einer
Krause von plump falschen Garnspitzen, und die
geistreichsten Hüften umschließt der dümmste Kat-
tun. Wehmut, dein Name ist Kattun, und zwar braun-
gestreifter Kattun! Denn ach! nie hat mich etwas weh-
mütiger gestimmt als der Anblick einer Trienterin, die
an Gestalt und Gesichtsfarbe einer marmornen Göttin
glich und auf diesem antik edlen Leib ein Kleid von
braungestreiftem Kattun trug, so daß es aussah, als
sei die steinerne Niobe plötzlich lustig geworden und
habe sich maskiert in unsere moderne Kleintracht und
schreite bettelstolz und grandios unbeholfen durch die
Straßen Trients.
Kapitel
VIII
Als ich nach der Locanda dell' Grande Europa zu-
rückkehrte, wo ich mir ein gutes Pranzo bestellt hatte,
war mir wirklich so wehmütig zu Sinn, daß ich nicht
essen konnte, und das will viel sagen. Ich setzte mich
vor die Türe der nachbarlichen Bottega, erfrischte
mich mit Sorbett und sprach in mich hinein:
»Grillenhaftes Herz! jetzt bist du ja in Italien -
warum tirilierst du nicht? Sind vielleicht die alten
deutschen Schmerzen, die kleinen Schlangen, die sich
tief in dir verkrochen, jetzt mit nach Italien gekom-
men, und sie freuen sich jetzt, und eben ihr gemein-
schaftlicher Jubel erregt nun in der Brust jenes pitto-
reske Weh, das darin so seltsam sticht und hüpft und
pfeift? Und warum sollten sich die alten Schmerzen
nicht auch einmal freuen? Hier in Italien ist es ja so
schön, das Leiden selbst ist hier so schön, in diesen
gebrochenen Marmorpalazzos klingen die Seufzer
viel romantischer als in unseren netten Ziegel-
häuschen, unter jenen Lorbeerbäumen läßt sich viel
wollüstiger weinen als unter unseren mürrisch zacki-
gen Tannen, und nach den idealischen Wolkenbildern
des himmelblauen Italiens läßt sich viel süßer hinauf-
schmachten als nach dem aschgrau deutschen
Werkeltagshimmel, wo sogar die Wolken nur ehrliche
Spießbürgerfratzen schneiden und langweilig
herabgähnen! Bleibt nur in meiner Brust, ihr Schmer-
zen! Ihr findet nirgends ein besseres Unterkommen.
Ihr seid mir lieb und wert, und keiner weiß euch bes-
ser zu hegen und zu pflegen als ich, und ich gestehe
euch, ihr macht mir Vergnügen. Und überhaupt, was
ist denn Vergnügen? Vergnügen ist nichts als ein
höchst angenehmer Schmerz.«
Ich glaube, die Musik, die, ohne daß ich darauf
achtete, vor der Bottega erklang und einen Kreis von
Zuschauern schon um sich gezogen, hatte melodrama-
tisch diesen Monolog begleitet. Es war ein wunderli-
ches Trio, bestehend aus zwei Männern und einem
jungen Mädchen, das die Harfe spielte. Der eine von
jenen beiden, winterlich gekleidet in einen weißen
Flausrock, war ein stämmiger Mann mit einem dick-
roten Banditengesicht, das aus den schwarzen Haupt-
und Barthaaren, wie ein drohender Komet, hervor-
brannte, und zwischen den Beinen hielt er eine unge-
heure Baßgeige, die er so wütend strich, als habe er in
den Abruzzen einen armen Reisenden niedergeworfen
und wolle ihm geschwinde die Gurgel abfiedeln der
andre war ein langer, hagerer Greis, dessen morsche
Gebeine in einem abgelebt schwarzen Anzuge schlot-
terten und dessen schneeweiße Haare mit seinem Buf-
fogesang und seinen närrischen Kapriolen gar kläg-
lich kontrastierten. Ist es schon betrübend, wenn ein
alter Mann die Ehrfurcht, die man seinen Jahren
schuldig ist, aus Not verkaufen und sich zur Possen-
reißerei hergeben muß; wieviel trübseliger ist es noch,
wenn er solches in Gegenwart oder gar in Gesellschaft
seines Kindes tut! Und jenes Mädchen war die Toch-
ter des alten Buffo, und sie akkompagnierte mit der
Harfe die unwürdigsten Späße des greisen Vaters oder
stellte auch die Harfe beiseite und sang mit ihm ein
komisches Duett, wo er einen verliebten alten Gecken
und sie seine junge neckische Amante vorstellte.
Obendrein schien das Mädchen kaum aus den Kinder-
jahren getreten zu sein, ja es schien, als habe man das
Kind, ehe es noch zur Jungfräulichkeit gelangt war,
gleich zum Weibe gemacht, und zwar zu keinem
züchtigen Weibe. Daher das bleichsüchtige Welken
und der zuckende Mißmut des schönen Gesichtes,
dessen stolzgeschwungene Formen jedes ahnende
Mitleid gleichsam verhöhnten; daher die verborgene
Kümmerlichkeit der Augen, die unter ihren schwarzen
Triumphbogen so herausfordernd leuchteten; daher
der tiefe Schmerzenston, der so unheimlich kontra-
stierte mit den lachend schönen Lippen, denen er ent-
schlüpfte; daher die Krankhaftigkeit der überzarten
Glieder, die ein kurzes, ängstlich violettes Seiden-
kleidchen so tief als möglich umflatterte. Dabei
flaggten grellbunte Atlasbänder auf dem verjährten
Strohhut, und die Brust zierte gar sinnbildlich eine
offne Rosenknospe, die mehr gewaltsam aufgerissen
als in eigener Entfaltung aus der grünen Hülle hervor-
geblüht zu sein schien. Indessen über dem unglückli-
chen Mädchen, diesem Frühling, den der Tod schon
verderblich angehaucht, lag eine unbeschreibliche
Anmut, eine Grazie, die sich in jeder Miene, in jeder
Bewegung, in jedem Tone kundgab und selbst dann
nicht ganz sich verleugnete, wenn sie mit vorgeworfe-
nem Leibchen und ironischer Lüsternheit dem alten
Vater entgegentänzelte, der ebenso unsittsam, mit
vorgestrecktem Bauchgerippe zu ihr heranwackelte.
Je frecher sie sich gebärdete, desto tieferes Mitleiden
flößte sie mir ein, und wenn ihr Gesang dann weich
und wunderbar aus ihrer Brust hervorstieg und gleich-
sam um Verzeihung bat, dann jauchzten in meiner
Brust die kleinen Schlangen und bissen sich vor Ver-
gnügen in den Schwanz. Auch die Rose schien mich
dann wie bittend anzusehen, einmal sah ich sie sogar
zittern, erbleichen - aber in demselben Augenblick
schlugen die Triller des Mädchens um so lachender in
die Höhe, der Alte meckerte noch verliebter, und das
rote Kometgesicht marterte seine Bratsche so grim-
mig, daß sie die entsetzlich drolligsten Töne von sich
gab und die Zuhörer noch toller jubelten.
Kapitel XIX
Es war ein echt italienisches Musikstück, aus ir-
gendeiner beliebten Opera buffa, jener wundersamen
Gattung, die dem Humor den freiesten Spielraum ge-
währt und worin er sich all seiner springenden Lust,
seiner tollen Empfindelei, seiner lachenden Wehmut
und seiner lebenssüchtigen Todesbegeisterung über-
lassen kann. Es war ganz Rossinische Weise, wie sie
sich im »Barbier von Sevilla« am lieblichsten offen-
bart.
Die Verächter italienischer Musik, die auch dieser
Gattung den Stab brechen, werden einst in der Hölle
ihrer wohlverdienten Strafe nicht entgehen und sind
vielleicht verdammt, die lange Ewigkeit hindurch
nichts anderes zu hören als Fugen von Sebastian
Bach. Leid ist es mir um so manchen meiner Kolle-
gen, z.B. um Rellstab, der ebenfalls dieser Verdamm-
nis nicht entgehen wird, wenn er sich nicht vor seinem
Tode zu Rossini bekehrt. Rossini, divino Maestro,
Helios von Italien, der du deine klingenden Strahlen
über die Welt verbreitest! verzeih meinen armen
Landsleuten, die dich lästern auf Schreibpapier und
auf Löschpapier! Ich aber erfreue mich deiner golde-
nen Töne, deiner melodischen Lichter, deiner funkeln-
den Schmetterlingsträume, die mich so lieblich
umgaukeln und mir das Herz küssen wie mit Lippen
der Grazien! Divino Maestro, verzeih meinen armen
Landsleuten, die deine Tiefe nicht sehen, weil du sie
mit Rosen bedeckst, und denen du nicht gedanken-
schwer und gründlich genug bist, weil du so leicht
flatterst, so gottbeflügelt! - Freilich, um die heutige
italienische Musik zu lieben und durch die Liebe zu
verstehn, muß man das Volk selbst vor Augen haben,
seinen Himmel, seinen Charakter, seine Mienen, seine
Leiden, seine Freuden, kurz, seine ganze Geschichte,
von Romulus, der das Heilige Römische Reich gestif-
tet, bis auf die neueste Zeit, wo es zugrunde ging,
unter Romulus Augustulus II. Dem armen geknechte-
ten Italien ist ja das Sprechen verboten, und es darf
nur durch Musik die Gefühle seines Herzens kundge-
ben. All sein Groll gegen fremde Herrschaft, seine
Begeistrung für die Freiheit, sein Wahnsinn über das
Gefühl der Ohnmacht, seine Wehmut bei der Erinne-
rung an vergangene Herrlichkeit, dabei sein leises
Hoffen, sein Lauschen, sein Lechzen nach Hülfe, alles
dieses verkappt sich in jene Melodien, die von grotes-
ker Lebenstrunkenheit zu elegischer Weichheit herab-
gleiten, und in jene Pantomimen, die von schmei-
chelnden Karessen zu drohendem Ingrimm über-
schnappen.
Das ist der esoterische Sinn der Opera buffa. Die
exoterische Schildwache, in deren Gegenwart sie
gesungen und dargestellt wird, ahnt nimmermehr die
Bedeutung dieser heiteren Liebesgeschichten, Liebes-
nöten und Liebesneckereien, worunter der Italiener
seine tödlichsten Befreiungsgedanken verbirgt, wie
Harmodius und Aristogiton ihren Dolch verbargen in
einem Kranze von Myrten. »Das ist halt närrisches
Zeug«, sagt die exoterische Schildwache, und es ist
gut, daß sie nichts merkt. Denn sonst würde der Im-
presario mitsamt der Primadonna und dem Primo
uomo bald jene Bretter betreten, die eine Festung be-
deuten; es würde eine Untersuchungskommission nie-
dergesetzt werden, alle staatsgefährliche Triller und
revolutionärrische Koloraturen kämen zu Protokoll,
man würde eine Menge Arlekine, die in weiteren Ver-
zweigungen verbrecherischer Umtriebe verwickelt
sind, auch den Tartaglia, den Brighella, sogar den
alten bedächtigen Pantalon arretieren, dem Dottore
von Bologna würde man die Papiere versiegeln, er
selbst würde sich in noch größeren Verdacht hinein-
schnattern, und Columbine müßte sich, über dieses
Familienunglück, die Augen rot weinen. Ich denke
aber, daß solches Unglück noch nicht über diese
guten Leute hereinbrechen wird, indem die italieni-
schen Demagogen pfiffiger sind als die armen Deut-
schen, die, Ähnliches beabsichtigend, sich als schwar-
ze Narren mit schwarzen Narrenkappen vermummt
hatten, aber so auffallend trübselig aussahen und bei
ihren gründlichen Narrensprüngen, die sie Turnen
nannten, sich so gefährlich anstellten und so ernsthaf-
te Gesichter schnitten, daß die Regierungen endlich
aufmerksam werden und sie einstecken mußten.
Kapitel XX
Die kleine Harfenistin mußte wohl bemerkt haben,
daß ich, während sie sang und spielte, oft nach ihrer
Busenrose hinblickte, und als ich nachher auf den zin-
nernen Teller, womit sie ihr Honorar einsammelte, ein
Geldstück warf, das nicht allzu klein war, da lächelte
sie schlau und frug heimlich, ob ich ihre Rose haben
wolle.
Nun bin ich aber der höflichste Mensch von der
Welt, und um die Welt möchte ich nicht eine Rose be-
leidigen, und sei es auch eine Rose, die sich schon ein
bißchen verduftet hat. Und wenn sie auch nicht mehr,
so dacht ich, ganz frisch riecht und nicht mehr im Ge-
ruche der Tugend ist, wie etwa die Rose von Saron,
was kümmert es mich, der ich ja doch den Stock-
schnupfen habe! Und nur die Menschen nehmen's so
genau. Der Schmetterling fragt nicht die Blume: »Hat
schon ein anderer dich geküßt?« Und diese fragt
nicht: »Hast du schon eine andere umflattert?« Dazu
kam noch, daß die Nacht hereinbrach, und des
Nachts, dacht ich, sind alle Blumen grau, die sündig-
ste Rose ebensogut wie die tugendhafteste Petersilie.
Kurz und gut, ohne allzulanges Zögern sagte ich zu
der kleinen Harfenistin: »Si, Signora« ---
Denk nur nichts Böses, lieber Leser. Es war dunkel
geworden, und die Sterne sahen so klar und fromm
herab in mein Herz. Im Herzen selbst aber zitterte die
Erinnerung an die tote Maria. Ich dachte wieder an
jene Nacht, als ich vor dem Bette stand, worauf der
schöne, blasse Leib lag mit sanften, stillen Lippen -
Ich dachte wieder an den sonderbaren Blick, den mir
die alte Frau zuwarf, die bei der Leiche wachen sollte
und mir ihr Amt auf einige Stunden überließ - Ich
dachte wieder an die Nachtviole, die im Glase auf
dem Tische stand und so seltsam duftete - Auch
durchschauerte mich wieder der Zweifel, ob es wirk-
lich ein Windzug war, wovon die Lampe erlosch. Ob
wirklich kein Dritter im Zimmer war?
|