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Reise von München nach Genua

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und

Die Bäder von Lucca

Text by Heinrich Heine (1797-1856)

Kapitel XXXI-XXXIV

Kapitel XXXI

»Ich bin gut russisch« - sagte ich auf dem 
Schlachtfelde von Marengo und stieg für einige Minu-
ten aus dem Wagen, um meine Morgenandacht zu 
halten.
Wie unter einem Triumphbogen von kolossalen 
Wolkenmassen zog die Sonne herauf, siegreich, hei-
ter, sicher, einen schönen Tag verheißend. Mir aber 
war zumute wie dem armen Monde, der verbleichend 
noch am Himmel stand. Er hatte seine einsame Lauf-
bahn durchwandelt in öder Nachtzeit, wo das Glück 
schlief und nur Gespenster, Eulen und Sünder ihr 
Wesen trieben; und jetzt, wo der junge Tag hervor-
stieg, mit jubelnden Strahlen und flatterndem 
Morgenrot, jetzt mußte er von dannen - noch ein 
wehmütiger Blick nach dem großen Weltlicht, und er 
verschwand wie duftiger Nebel.
»Es wird ein schöner Tag werden«, rief mein Rei-
segefährte aus dem Wagen mir zu. Ja, es wird ein 
schöner Tag werden, wiederholte leise mein betendes 
Herz und zitterte vor Wehmut und Freude. Ja, es wird
ein schöner Tag werden, die Freiheitssonne wird die 
Erde glücklicher wärmen als die Aristokratie sämtli-
cher Sterne; emporblühen wird ein neues Geschlecht, 
das erzeugt worden in freier Wahlumarmung, nicht im
Zwangsbette und unter der Kontrolle geistlicher Zöll-
ner; mit der freien Geburt werden auch in den Men-
schen freie Gedanken und Gefühle zur Welt kommen, 
wovon wir geborenen Knechte keine Ahnung haben -
Oh! sie werden ebensowenig ahnen, wie entsetzlich 
die Nacht war, in deren Dunkel wir leben mußten, 
und wie grauenhaft wir zu kämpfen hatten, mit häßli-
chen Gespenstern, dumpfen Eulen und scheinheiligen 
Sündern! O wir armen Kämpfer! die wir unsre Le-
benszeit in solchem Kampfe vergeuden mußten und 
müde und bleich sind, wenn der Siegestag hervor-
strahlt! Die Glut des Sonnenaufgangs wird unsre 
Wangen nicht mehr röten und unsre Herzen nicht 
mehr wärmen können, wir sterben dahin wie der 
scheidende Mond - allzu kurz gemessen ist des Men-
schen Wanderbahn, an deren Ende das unerbittliche 
Grab.
Ich weiß wirklich nicht, ob ich es verdiene, daß 
man mir einst mit einem Lorbeerkranze den Sarg ver-
ziere. Die Poesie, wie sehr ich sie auch liebte, war mir
immer nur heiliges Spielzeug oder geweihtes Mittel 
für himmlische Zwecke. Ich habe nie großen Wert ge-
legt auf Dichterruhm, und ob man meine Lieder prei-
set oder tadelt, es kümmert mich wenig. Aber ein 
Schwert sollt ihr mir auf den Sarg legen; denn ich war
ein braver Soldat im Befreiungskriege der Mensch-
heit.

Kapitel XXXII

Während der Mittagshitze suchten wir Obdach in 
einem Franziskanerkloster, das auf einer bedeutenden 
Anhöhe lag und mit seinen düstern Zypressen und 
weißen Mönchen, wie ein Jagdschloß des Glaubens, 
hinabschaute in die heiter grünen Täler des Apennins.
Es war ein schöner Bau, wie ich denn, außer der Kar-
tause zu Monza, die ich nur von außen sah, noch sehr 
merkwürdigen Klöstern und Kirchen vorbeigekom-
men bin. Ich wußte oft nicht, sollte ich mehr die 
Schönheit der Gegend bewundern oder die Größe der 
alten Kirchen oder die ebenso große, steinfeste Gesin-
nung ihrer Erbauer, die wohl voraussehen konnten, 
daß erst späte Urenkel imstande sein würden, solch 
ein Bauwerk zu vollenden, und die dessen ohngeach-
tet ganz ruhig den Grundstein legten und Stein auf 
Stein trugen, bis der Tod sie von der Arbeit abrief und
andere Baumeister das Werk fortsetzten und sich 
nachher ebenfalls zur Ruhe begaben - alle im festen 
Glauben an die Ewigkeit der katholischen Religion 
und im festen Vertrauen auf die gleiche Denkweise 
der folgenden Geschlechter, die weiterbauen würden, 
wo die Vorfahren aufgehört.
Es war der Glaube der Zeit, und die alten Baumei-
ster lebten und entschliefen in diesem Glauben. Da 
liegen sie nun vor den Türen jener alten Kirchen, und 
es ist zu wünschen, daß ihr Schlaf recht fest sei und 
das Lachen der neuen Zeit sie nicht erwecke. Abson-
derlich für solche, die vor einem von den alten Domen
liegen, die nicht fertig geworden sind, für solche wäre 
es sehr schlimm, wenn sie des Nachts plötzlich er-
wachten und im schmerzlichen Mondschein ihr un-
vollendetes Tagewerk sähen und bald merkten, daß 
die Zeit des Weiterbauens auf gehört hat und daß ihr 
ganzes Leben nutzlos war und dumm.
So spricht die jetzige neue Zeit, die eine andere 
Aufgabe hat, einen anderen Glauben.
Ich hörte einst in Köln, wie ein kleiner Bube seine 
Mutter frug, warum man die halben Dome nicht fer-
tigbaue. Es war ein schöner Bube, und ich küßte ihm 
die klugen Augen, und da die Mutter ihm keine rechte
Antwort geben konnte, so sagte ich ihm, daß jetzt die 
Menschen ganz etwas anderes zu tun hätten.
Unfern von Genua, auf der Spitze der Apenninen, 
sieht man das Meer, zwischen den grünen Ge-
birgsgipfeln kommt die blaue Flut zum Vorschein, 
und Schiffe, die man hie und da erblickt, scheinen mit
vollen Segeln über die Berge zu fahren. Hat man aber 
diesen Anblick zur Zeit der Dämmerung, wo die letz-
ten Sonnenlichter mit den ersten Abendschatten ihr 
wunderliches Spiel beginnen und alle Farben und For-
men sich nebelhaft verweben, dann wird einem or-
dentlich märchenhaft zumute, der Wagen rasselt berg-
ab, die schläfrig süßesten Bilder der Seele werden 
aufgerüttelt und nicken wieder ein, und es träumt 
einem endlich, man sei in Genua.

Kapitel XXXIII

Diese Stadt ist alt ohne Altertümlichkeit, eng ohne 
Traulichkeit und häßlich über alle Maßen. Sie ist auf 
einem Felsen gebaut, am Fuße von amphitheatrali-
schen Bergen, die den schönsten Meerbusen gleich-
sam umarmen. Die Genueser erhielten daher von der 
Natur den besten und sichersten Hafen. Da, wie ge-
sagt, die ganze Stadt auf einem einzigen Felsen steht, 
so mußten, der Raumersparnis wegen, die Häuser sehr
hoch und die Straßen sehr eng gebaut werden, so daß 
diese fast alle dunkel sind und nur auf zweien dersel-
ben ein Wagen fahren kann. Aber die Häuser dienen 
hier den Einwohnern, die meistens Kaufleute sind, 
fast nur zu Warenlagern und des Nachts zu Schlafstel-
len; den schachernden Tag über laufen sie umher in 
der Stadt oder sitzen vor ihrer Haustüre oder vielmehr
in der Haustüre, denn sonst würden sich die Gegen-
überwohnenden einander mit den Knien berühren.
Von der Seeseite, besonders gegen Abend, gewährt
die Stadt einen bessern Anblick. Da liegt sie am 
Meere, wie das gebleichte Skelett eines ausgeworfe-
nen Riesentiers, dunkle Ameisen, die sich Genueser 
nennen, kriechen darin herum, die blauen Meereswel-
len bespülen es plätschernd wie ein Ammenlied, der 
Mond, das blasse Auge der Nacht, schaut mit Weh-
mut darauf hinab.
Im Garten des Palazzo Doria steht der alte Seeheld 
als Neptun in einem großen Wasserbassin. Aber die 
Statue ist verwittert und verstümmelt, das Wasser 
ausgetrocknet, und die Möwen nisten in den schwar-
zen Zypressen. Wie ein Knabe, der immer seine Ko-
mödien im Kopf hat, dachte ich bei dem Namen Doria
gleich an Friedrich Schiller, den edelsten, wenn auch 
nicht größten Dichter der Deutschen.
Obgleich meistens im Verfall, sind die Paläste der 
ehemaligen Machthaber von Genua, der Nobili, den-
noch sehr schön und mit Pracht überladen. Sie stehen 
meistens auf den zwei großen Straßen, genannt Strada
nuova und Balbi. Der Palast Durazzo ist der merk-
würdigste. Hier sind gute Bilder und darunter Paul 
Veroneses Christus, dem Magdalena die gewaschenen
Füße abtrocknet. Diese ist so schön, daß man fürch-
ten sollte, sie werde gewiß noch einmal verführt wer-
den. Ich stand lange vor ihr - ach, sie schaute nicht 
auf! Christus steht da wie ein Religionshamlet: go to 
a nunnery. Hier fand ich auch einige Holländer und 
vorzügliche Bilder von Rubens, letztere ganz durch-
drungen von der kolossalen Heiterkeit dieses nieder-
ländischen Titanen, dessen Geistesflügel so stark 
waren, daß er bis zur Sonne emporflog, obgleich hun-
dert Zentner holländischer Käse an seinen Beinen hin-
gen. Ich kann dem kleinsten Bilde dieses großen Ma-
lers nicht vorübergehen, ohne den Zoll meiner Be-
wundrung zu entrichten. Um so mehr, da es jetzt 
Mode wird, ihn, ob seines Mangels an Idealität, nur 
mit Achselzucken zu betrachten. Die historische 
Schule zu München zeigt sich besonders groß in sol-
cher Betrachtung. Man sehe nur, mit welcher vorneh-
men Geringschätzung der langhaarige Cornelianer 
durch den Rubenssaal wandelt! Vielleicht aber ist der 
Irrtum der Jünger erklärlich, wenn man den großen 
Gegensatz betrachtet, den Peter Cornelius zu Peter 
Paul Rubens bildet. Es läßt sich fast kein größerer 
Gegensatz ersinnen - und nichtsdestoweniger ist mir 
bisweilen zu Sinn, als hätten beide dennoch Ähnlich-
keiten, die ich mehr ahnen als anschauen könne. Viel-
leicht sind landsmannschaftliche Eigenheiten in ihnen 
verborgen, die den dritten Landsmann, nämlich mich, 
wie leise heimische Laute ansprechen. Diese geheime 
Verwandtschaft besteht aber nimmermehr in der nie-
derländischen Heiterkeit und Farbenlust, die uns aus 
allen Bildern des Rubens entgegenlacht, so daß man 
meinen sollte, er habe sie im freudigen Rheinwein-
rausch gemalt, während tanzende Kirmesmusik um 
ihn her jubelte. Wahrlich, die Bilder des Cornelius 
scheinen eher am Karfreitage gemalt zu sein, während
die schwermütigen Leidenslieder der Prozession 
durch die Straßen zogen und im Atelier und Herzen 
des Malers wider hallten. In der Produktivität, in der 
Schöpfungskühnheit, in der genialen Ursprünglichkeit
sind sich beide ähnlicher, beide sind geborne Maler 
und gehören zu dem Zyklus großer Meister, die größ-
tenteils zur Zeit des Raffael blühten, einer Zeit, die 
auf Rubens noch ihren unmittelbaren Einfluß üben 
konnte, die aber von der unsrigen so abgeschieden ist,
daß wir ob der Erscheinung des Peter Cornelius fast 
erschrecken, daß er uns manchmal vorkommt wie der 
Geist eines jener großen Maler aus raffaelscher Zeit, 
der aus dem Grabe hervorsteige, um noch einige 
Bilder zu malen, ein toter Schöpfer, selbstbeschworen
durch das mitbegrabene, inwohnende Lebenswort. 
Betrachten wir seine Bilder, so sehen sie uns an wie 
mit Augen des funfzehnten Jahrhunderts, gespenstisch
sind die Gewänder, als rauschten sie uns vorbei um 
Mitternacht, zauberkräftig sind die Leiber, traumrich-
tig gezeichnet, gewaltsam wahr, nur das Blut fehlt 
ihnen, das pulsierende Leben, die Farbe. Ja, Cornelius
ist ein Schöpfer, doch betrachten wir seine Geschöp-
fe, so will es uns bedünken, als könnten sie alle nicht 
lange leben, als seien sie alle eine Stunde vor ihrem 
Tode gemalt, als trügen sie alle die wehmütige Ah-
nung des Sterbens. Trotz ihrer Heiterkeit erregen die 
Gestalten des Rubens ein ähnliches Gefühl in unserer 
Seele; diese scheinen ebenfalls den Todeskeim in sich
zu tragen, und es ist uns, als müßten sie eben durch 
ihre Lebensüberfülle, durch ihre rote Vollblütigkeit, 
plötzlich vom Schlage gerührt werden. Das ist sie 
vielleicht, die geheime Verwandtschaft, die wir in der 
Vergleichung beider Meister so wundersam ahnen. 
Die höchste Lust in einigen Bildern des Rubens und 
der tiefste Trabsinn in denen des Cornelius erregen in 
uns vielleicht dasselbe Gefühl. Woher aber dieser 
Trübsinn bei einem Niederländer? Es ist vielleicht 
eben das schaurige Bewußtsein, daß er einer längst 
verklungenen Zeit angehört und sein Leben eine my-
stische Nachsendung ist - denn ach! er ist nicht bloß 
der einzige große Maler, der jetzt lebt, sondern viel-
leicht auch der letzte, der auf dieser Erde malen wird; 
vor ihm, bis zur Zeit der Carraccis, ist ein langes 
Dunkel, und hinter ihm schlagen wieder die Schatten 
zusammen, seine Hand ist eine lichte, einsame Gei-
sterhand in der Nacht der Kunst, und die Bilder, die 
sie malt, tragen die unheimliche Trauer solcher ern-
sten, schroffen Abgeschiedenheit. Ich habe diese letz-
te Malerhand nie ohne geheimen Schauer betrachten 
können, wenn ich den Mann selbst sah, den kleinen 
scharfen Mann mit den heißen Augen; und doch wie-
der erregte diese Hand in mir das Gefühl der 
traulichsten Pietät, da ich mich erinnerte, daß sie mir 
einst liebreich auf den kleinen Fingern lag und mir ei-
nige Gesichtskonturen ziehen half, als ich, ein kleines 
Bübchen, auf der Akademie zu Düsseldorf zeichnen 
lernte.

Kapitel XXXIV

Die Sammlung von Porträts schöner Genueserin-
nen, die im Palast Durazzo gezeigt wird, darf ich nim-
mermehr unerwähnt lassen. Nichts auf der Welt kann 
unsre Seele trauriger stimmen als solcher Anblick von
Porträts schöner Frauen, die schon seit einigen Jahr-
hunderten tot sind. Melancholisch überkriecht uns der
Gedanke, daß von den Originalen jener Bilder, von all
jenen Schönen, die so lieblich, so kokett, so witzig, so
schalkhaft und so schwärmerisch waren, von all jenen
Maiköpfchen mit Aprillaunen, von jenem ganzen 
Frauenfrühling nichts übriggeblieben ist als diese 
bunten Schatten, die ein Maler, der gleich ihnen 
längst vermodert ist, auf ein morsch Stückchen Lein-
wand gepinselt hat, das ebenfalls mit der Zeit in 
Staub zerfällt und verweht. So geht alles Leben, das 
Schöne ebenso wie das Häßliche, spurlos vorüber, der
Tod, der dürre Pedant, verschont die Rose ebensowe-
nig wie die Distel, er vergißt auch nicht das einsame 
Hälmchen in der fernsten Wildnis, er zerstört gründ-
lich und unaufhörlich, überall sehen wir, wie er Pflan-
zen und Tiere, die Menschen und ihre Werke zu Staub
zerstampft, und selbst jene ägyptischen Pyramiden, 
die seiner Zerstörungswut zu trotzen scheinen, sie 
sind nur Trophäen seiner Macht, Denkmäler der Ver-
gänglichkeit, uralte Königsgräber.
Aber noch schlimmer als dieses Gefühl eines ewi-
gen Sterbens, einer öden gähnenden Vernichtung, er-
greift uns der Gedanke, daß wir nicht einmal als Ori-
ginale dahinsterben, sondern als Kopien von längst 
verschollenen Menschen, die geistig und körperlich 
uns gleich waren, und daß nach uns wieder Menschen
geboren werden, die wieder ganz aussehen und fühlen
und denken werden wie wir und die der Tod ebenfalls 
wieder vernichten wird - ein trostlos ewiges Wieder-
holungsspiel, wobei die zeugende Erde beständig her-
vorbringen und mehr hervorbringen muß, als der Tod 
zu zerstören vermag, so daß sie, in solcher Not, mehr 
für die Erhaltung der Gattungen als für die Originali-
tät der Individuen sorgen kann.
Wunderbar erfaßten mich die mystischen Schauer 
dieses Gedankens, als ich im Palast Durazzo die Por-
träts der schönen Genueserinnen sah und unter diesen 
ein Bild, das in meiner Seele einen süßen Sturm er-
regte, wovon mir noch jetzt, wenn ich daran denke, 
die Augenwimpern zittern - Es war das Bild der toten
Maria.
Der Aufseher der Galerie meinte zwar, das Bild 
stelle eine Herzogin von Genua vor, und im ciceroni-
schen Tone setzte er hinzu: »Es ist gemalt von Gior-
gio Barbarelli da Castelfranco nel Trevigiano, ge-
nannt Giorgione, er war einer der größten Maler der 
venezianischen Schule, wurde geboren im Jahr 1477 
und starb im Jahr 1511.«
»Lassen Sie das gut sein, Signor Custode. Das Bild
ist gut getroffen, mag es immerhin ein paar Jahrhun-
derte im voraus gemalt sein, das ist kein Fehler. 
Zeichnung richtig, Farbengebung vorzüglich, Falten-
wurf des Brustgewandes ganz vortrefflich. Haben Sie 
doch die Güte, das Bild für einige Augenblicke von 
der Wand herabzunehmen, ich will nur den Staub von
den Lippen abblasen und auch die Spinne, die in der 
Ecke des Rahmens sitzt, fortscheuchen - Maria hatte 
immer einen Abscheu vor Spinnen.«
»Eccellenza scheinen ein Kenner zu sein.«
»Daß ich nicht wüßte, Signor Custode. Ich habe 
das Talent, bei manchen Bildern sehr gerührt zu wer-
den, und es wird mir dann etwas feucht in den Augen.
Aber was sehe ich! von wem ist das Porträt des Man-
nes im schwarzen Mantel, das dort hängt?«
»Es ist ebenfalls von Giorgione, ein Meisterstück.«
»Ich bitte Sie, Signor, haben Sie doch die Güte, es 
ebenfalls von der Wand herabzunehmen und einen 
Augenblick hier neben dem Spiegel zu halten, damit 
ich vergleichen kann, ob ich dem Bilde ähnlich sehe.«
»Eccellenza sind nicht so blaß. Das Bild ist ein 
Meisterstück von Giorgione; er war Rival des Tizi-
ano, wurde geboren im Jahr 1477 und starb im Jahr 
1511.«
Lieber Leser, der Giorgione ist mir weit lieber als 
der Tiziano, und ich bin ihm besonders Dank schul-
dig, daß er mir die Maria gemalt. Du wirst gewiß 
ebensogut wie ich einsehen, daß Giorgione für mich 
das Bild gemalt hat und nicht für irgendeinen alten 
Genueser. Und es ist sehr gut getroffen, totschwei-
gend getroffen, es fehlt nicht einmal der Schmerz im 
Auge, ein Schmerz, der mehr einem geträumten als 
einem erlebten Leide galt und sehr schwer zu malen 
war. Das ganze Bild ist wie hingeseufzt auf die Lein-
wand. Auch der Mann im schwarzen Mantel ist gut 
gemalt, und die maliziös sentimentalen Lippen sind 
gut getroffen, sprechend getroffen, als wollten sie 
eben eine Geschichte erzählen - es ist die Geschichte 
von dem Ritter, der seine Geliebte aus dem Tode auf-
küssen wollte, und als das Licht erlosch --

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