Kapitel XXXI-XXXIV
Kapitel XXXI
»Ich bin gut russisch« - sagte ich auf dem
Schlachtfelde von Marengo und stieg für einige Minu-
ten aus dem Wagen, um meine Morgenandacht zu
halten.
Wie unter einem Triumphbogen von kolossalen
Wolkenmassen zog die Sonne herauf, siegreich, hei-
ter, sicher, einen schönen Tag verheißend. Mir aber
war zumute wie dem armen Monde, der verbleichend
noch am Himmel stand. Er hatte seine einsame Lauf-
bahn durchwandelt in öder Nachtzeit, wo das Glück
schlief und nur Gespenster, Eulen und Sünder ihr
Wesen trieben; und jetzt, wo der junge Tag hervor-
stieg, mit jubelnden Strahlen und flatterndem
Morgenrot, jetzt mußte er von dannen - noch ein
wehmütiger Blick nach dem großen Weltlicht, und er
verschwand wie duftiger Nebel.
»Es wird ein schöner Tag werden«, rief mein Rei-
segefährte aus dem Wagen mir zu. Ja, es wird ein
schöner Tag werden, wiederholte leise mein betendes
Herz und zitterte vor Wehmut und Freude. Ja, es wird
ein schöner Tag werden, die Freiheitssonne wird die
Erde glücklicher wärmen als die Aristokratie sämtli-
cher Sterne; emporblühen wird ein neues Geschlecht,
das erzeugt worden in freier Wahlumarmung, nicht im
Zwangsbette und unter der Kontrolle geistlicher Zöll-
ner; mit der freien Geburt werden auch in den Men-
schen freie Gedanken und Gefühle zur Welt kommen,
wovon wir geborenen Knechte keine Ahnung haben -
Oh! sie werden ebensowenig ahnen, wie entsetzlich
die Nacht war, in deren Dunkel wir leben mußten,
und wie grauenhaft wir zu kämpfen hatten, mit häßli-
chen Gespenstern, dumpfen Eulen und scheinheiligen
Sündern! O wir armen Kämpfer! die wir unsre Le-
benszeit in solchem Kampfe vergeuden mußten und
müde und bleich sind, wenn der Siegestag hervor-
strahlt! Die Glut des Sonnenaufgangs wird unsre
Wangen nicht mehr röten und unsre Herzen nicht
mehr wärmen können, wir sterben dahin wie der
scheidende Mond - allzu kurz gemessen ist des Men-
schen Wanderbahn, an deren Ende das unerbittliche
Grab.
Ich weiß wirklich nicht, ob ich es verdiene, daß
man mir einst mit einem Lorbeerkranze den Sarg ver-
ziere. Die Poesie, wie sehr ich sie auch liebte, war mir
immer nur heiliges Spielzeug oder geweihtes Mittel
für himmlische Zwecke. Ich habe nie großen Wert ge-
legt auf Dichterruhm, und ob man meine Lieder prei-
set oder tadelt, es kümmert mich wenig. Aber ein
Schwert sollt ihr mir auf den Sarg legen; denn ich war
ein braver Soldat im Befreiungskriege der Mensch-
heit.
Kapitel XXXII
Während der Mittagshitze suchten wir Obdach in
einem Franziskanerkloster, das auf einer bedeutenden
Anhöhe lag und mit seinen düstern Zypressen und
weißen Mönchen, wie ein Jagdschloß des Glaubens,
hinabschaute in die heiter grünen Täler des Apennins.
Es war ein schöner Bau, wie ich denn, außer der Kar-
tause zu Monza, die ich nur von außen sah, noch sehr
merkwürdigen Klöstern und Kirchen vorbeigekom-
men bin. Ich wußte oft nicht, sollte ich mehr die
Schönheit der Gegend bewundern oder die Größe der
alten Kirchen oder die ebenso große, steinfeste Gesin-
nung ihrer Erbauer, die wohl voraussehen konnten,
daß erst späte Urenkel imstande sein würden, solch
ein Bauwerk zu vollenden, und die dessen ohngeach-
tet ganz ruhig den Grundstein legten und Stein auf
Stein trugen, bis der Tod sie von der Arbeit abrief und
andere Baumeister das Werk fortsetzten und sich
nachher ebenfalls zur Ruhe begaben - alle im festen
Glauben an die Ewigkeit der katholischen Religion
und im festen Vertrauen auf die gleiche Denkweise
der folgenden Geschlechter, die weiterbauen würden,
wo die Vorfahren aufgehört.
Es war der Glaube der Zeit, und die alten Baumei-
ster lebten und entschliefen in diesem Glauben. Da
liegen sie nun vor den Türen jener alten Kirchen, und
es ist zu wünschen, daß ihr Schlaf recht fest sei und
das Lachen der neuen Zeit sie nicht erwecke. Abson-
derlich für solche, die vor einem von den alten Domen
liegen, die nicht fertig geworden sind, für solche wäre
es sehr schlimm, wenn sie des Nachts plötzlich er-
wachten und im schmerzlichen Mondschein ihr un-
vollendetes Tagewerk sähen und bald merkten, daß
die Zeit des Weiterbauens auf gehört hat und daß ihr
ganzes Leben nutzlos war und dumm.
So spricht die jetzige neue Zeit, die eine andere
Aufgabe hat, einen anderen Glauben.
Ich hörte einst in Köln, wie ein kleiner Bube seine
Mutter frug, warum man die halben Dome nicht fer-
tigbaue. Es war ein schöner Bube, und ich küßte ihm
die klugen Augen, und da die Mutter ihm keine rechte
Antwort geben konnte, so sagte ich ihm, daß jetzt die
Menschen ganz etwas anderes zu tun hätten.
Unfern von Genua, auf der Spitze der Apenninen,
sieht man das Meer, zwischen den grünen Ge-
birgsgipfeln kommt die blaue Flut zum Vorschein,
und Schiffe, die man hie und da erblickt, scheinen mit
vollen Segeln über die Berge zu fahren. Hat man aber
diesen Anblick zur Zeit der Dämmerung, wo die letz-
ten Sonnenlichter mit den ersten Abendschatten ihr
wunderliches Spiel beginnen und alle Farben und For-
men sich nebelhaft verweben, dann wird einem or-
dentlich märchenhaft zumute, der Wagen rasselt berg-
ab, die schläfrig süßesten Bilder der Seele werden
aufgerüttelt und nicken wieder ein, und es träumt
einem endlich, man sei in Genua.
Kapitel XXXIII
Diese Stadt ist alt ohne Altertümlichkeit, eng ohne
Traulichkeit und häßlich über alle Maßen. Sie ist auf
einem Felsen gebaut, am Fuße von amphitheatrali-
schen Bergen, die den schönsten Meerbusen gleich-
sam umarmen. Die Genueser erhielten daher von der
Natur den besten und sichersten Hafen. Da, wie ge-
sagt, die ganze Stadt auf einem einzigen Felsen steht,
so mußten, der Raumersparnis wegen, die Häuser sehr
hoch und die Straßen sehr eng gebaut werden, so daß
diese fast alle dunkel sind und nur auf zweien dersel-
ben ein Wagen fahren kann. Aber die Häuser dienen
hier den Einwohnern, die meistens Kaufleute sind,
fast nur zu Warenlagern und des Nachts zu Schlafstel-
len; den schachernden Tag über laufen sie umher in
der Stadt oder sitzen vor ihrer Haustüre oder vielmehr
in der Haustüre, denn sonst würden sich die Gegen-
überwohnenden einander mit den Knien berühren.
Von der Seeseite, besonders gegen Abend, gewährt
die Stadt einen bessern Anblick. Da liegt sie am
Meere, wie das gebleichte Skelett eines ausgeworfe-
nen Riesentiers, dunkle Ameisen, die sich Genueser
nennen, kriechen darin herum, die blauen Meereswel-
len bespülen es plätschernd wie ein Ammenlied, der
Mond, das blasse Auge der Nacht, schaut mit Weh-
mut darauf hinab.
Im Garten des Palazzo Doria steht der alte Seeheld
als Neptun in einem großen Wasserbassin. Aber die
Statue ist verwittert und verstümmelt, das Wasser
ausgetrocknet, und die Möwen nisten in den schwar-
zen Zypressen. Wie ein Knabe, der immer seine Ko-
mödien im Kopf hat, dachte ich bei dem Namen Doria
gleich an Friedrich Schiller, den edelsten, wenn auch
nicht größten Dichter der Deutschen.
Obgleich meistens im Verfall, sind die Paläste der
ehemaligen Machthaber von Genua, der Nobili, den-
noch sehr schön und mit Pracht überladen. Sie stehen
meistens auf den zwei großen Straßen, genannt Strada
nuova und Balbi. Der Palast Durazzo ist der merk-
würdigste. Hier sind gute Bilder und darunter Paul
Veroneses Christus, dem Magdalena die gewaschenen
Füße abtrocknet. Diese ist so schön, daß man fürch-
ten sollte, sie werde gewiß noch einmal verführt wer-
den. Ich stand lange vor ihr - ach, sie schaute nicht
auf! Christus steht da wie ein Religionshamlet: go to
a nunnery. Hier fand ich auch einige Holländer und
vorzügliche Bilder von Rubens, letztere ganz durch-
drungen von der kolossalen Heiterkeit dieses nieder-
ländischen Titanen, dessen Geistesflügel so stark
waren, daß er bis zur Sonne emporflog, obgleich hun-
dert Zentner holländischer Käse an seinen Beinen hin-
gen. Ich kann dem kleinsten Bilde dieses großen Ma-
lers nicht vorübergehen, ohne den Zoll meiner Be-
wundrung zu entrichten. Um so mehr, da es jetzt
Mode wird, ihn, ob seines Mangels an Idealität, nur
mit Achselzucken zu betrachten. Die historische
Schule zu München zeigt sich besonders groß in sol-
cher Betrachtung. Man sehe nur, mit welcher vorneh-
men Geringschätzung der langhaarige Cornelianer
durch den Rubenssaal wandelt! Vielleicht aber ist der
Irrtum der Jünger erklärlich, wenn man den großen
Gegensatz betrachtet, den Peter Cornelius zu Peter
Paul Rubens bildet. Es läßt sich fast kein größerer
Gegensatz ersinnen - und nichtsdestoweniger ist mir
bisweilen zu Sinn, als hätten beide dennoch Ähnlich-
keiten, die ich mehr ahnen als anschauen könne. Viel-
leicht sind landsmannschaftliche Eigenheiten in ihnen
verborgen, die den dritten Landsmann, nämlich mich,
wie leise heimische Laute ansprechen. Diese geheime
Verwandtschaft besteht aber nimmermehr in der nie-
derländischen Heiterkeit und Farbenlust, die uns aus
allen Bildern des Rubens entgegenlacht, so daß man
meinen sollte, er habe sie im freudigen Rheinwein-
rausch gemalt, während tanzende Kirmesmusik um
ihn her jubelte. Wahrlich, die Bilder des Cornelius
scheinen eher am Karfreitage gemalt zu sein, während
die schwermütigen Leidenslieder der Prozession
durch die Straßen zogen und im Atelier und Herzen
des Malers wider hallten. In der Produktivität, in der
Schöpfungskühnheit, in der genialen Ursprünglichkeit
sind sich beide ähnlicher, beide sind geborne Maler
und gehören zu dem Zyklus großer Meister, die größ-
tenteils zur Zeit des Raffael blühten, einer Zeit, die
auf Rubens noch ihren unmittelbaren Einfluß üben
konnte, die aber von der unsrigen so abgeschieden ist,
daß wir ob der Erscheinung des Peter Cornelius fast
erschrecken, daß er uns manchmal vorkommt wie der
Geist eines jener großen Maler aus raffaelscher Zeit,
der aus dem Grabe hervorsteige, um noch einige
Bilder zu malen, ein toter Schöpfer, selbstbeschworen
durch das mitbegrabene, inwohnende Lebenswort.
Betrachten wir seine Bilder, so sehen sie uns an wie
mit Augen des funfzehnten Jahrhunderts, gespenstisch
sind die Gewänder, als rauschten sie uns vorbei um
Mitternacht, zauberkräftig sind die Leiber, traumrich-
tig gezeichnet, gewaltsam wahr, nur das Blut fehlt
ihnen, das pulsierende Leben, die Farbe. Ja, Cornelius
ist ein Schöpfer, doch betrachten wir seine Geschöp-
fe, so will es uns bedünken, als könnten sie alle nicht
lange leben, als seien sie alle eine Stunde vor ihrem
Tode gemalt, als trügen sie alle die wehmütige Ah-
nung des Sterbens. Trotz ihrer Heiterkeit erregen die
Gestalten des Rubens ein ähnliches Gefühl in unserer
Seele; diese scheinen ebenfalls den Todeskeim in sich
zu tragen, und es ist uns, als müßten sie eben durch
ihre Lebensüberfülle, durch ihre rote Vollblütigkeit,
plötzlich vom Schlage gerührt werden. Das ist sie
vielleicht, die geheime Verwandtschaft, die wir in der
Vergleichung beider Meister so wundersam ahnen.
Die höchste Lust in einigen Bildern des Rubens und
der tiefste Trabsinn in denen des Cornelius erregen in
uns vielleicht dasselbe Gefühl. Woher aber dieser
Trübsinn bei einem Niederländer? Es ist vielleicht
eben das schaurige Bewußtsein, daß er einer längst
verklungenen Zeit angehört und sein Leben eine my-
stische Nachsendung ist - denn ach! er ist nicht bloß
der einzige große Maler, der jetzt lebt, sondern viel-
leicht auch der letzte, der auf dieser Erde malen wird;
vor ihm, bis zur Zeit der Carraccis, ist ein langes
Dunkel, und hinter ihm schlagen wieder die Schatten
zusammen, seine Hand ist eine lichte, einsame Gei-
sterhand in der Nacht der Kunst, und die Bilder, die
sie malt, tragen die unheimliche Trauer solcher ern-
sten, schroffen Abgeschiedenheit. Ich habe diese letz-
te Malerhand nie ohne geheimen Schauer betrachten
können, wenn ich den Mann selbst sah, den kleinen
scharfen Mann mit den heißen Augen; und doch wie-
der erregte diese Hand in mir das Gefühl der
traulichsten Pietät, da ich mich erinnerte, daß sie mir
einst liebreich auf den kleinen Fingern lag und mir ei-
nige Gesichtskonturen ziehen half, als ich, ein kleines
Bübchen, auf der Akademie zu Düsseldorf zeichnen
lernte.
Kapitel XXXIV
Die Sammlung von Porträts schöner Genueserin-
nen, die im Palast Durazzo gezeigt wird, darf ich nim-
mermehr unerwähnt lassen. Nichts auf der Welt kann
unsre Seele trauriger stimmen als solcher Anblick von
Porträts schöner Frauen, die schon seit einigen Jahr-
hunderten tot sind. Melancholisch überkriecht uns der
Gedanke, daß von den Originalen jener Bilder, von all
jenen Schönen, die so lieblich, so kokett, so witzig, so
schalkhaft und so schwärmerisch waren, von all jenen
Maiköpfchen mit Aprillaunen, von jenem ganzen
Frauenfrühling nichts übriggeblieben ist als diese
bunten Schatten, die ein Maler, der gleich ihnen
längst vermodert ist, auf ein morsch Stückchen Lein-
wand gepinselt hat, das ebenfalls mit der Zeit in
Staub zerfällt und verweht. So geht alles Leben, das
Schöne ebenso wie das Häßliche, spurlos vorüber, der
Tod, der dürre Pedant, verschont die Rose ebensowe-
nig wie die Distel, er vergißt auch nicht das einsame
Hälmchen in der fernsten Wildnis, er zerstört gründ-
lich und unaufhörlich, überall sehen wir, wie er Pflan-
zen und Tiere, die Menschen und ihre Werke zu Staub
zerstampft, und selbst jene ägyptischen Pyramiden,
die seiner Zerstörungswut zu trotzen scheinen, sie
sind nur Trophäen seiner Macht, Denkmäler der Ver-
gänglichkeit, uralte Königsgräber.
Aber noch schlimmer als dieses Gefühl eines ewi-
gen Sterbens, einer öden gähnenden Vernichtung, er-
greift uns der Gedanke, daß wir nicht einmal als Ori-
ginale dahinsterben, sondern als Kopien von längst
verschollenen Menschen, die geistig und körperlich
uns gleich waren, und daß nach uns wieder Menschen
geboren werden, die wieder ganz aussehen und fühlen
und denken werden wie wir und die der Tod ebenfalls
wieder vernichten wird - ein trostlos ewiges Wieder-
holungsspiel, wobei die zeugende Erde beständig her-
vorbringen und mehr hervorbringen muß, als der Tod
zu zerstören vermag, so daß sie, in solcher Not, mehr
für die Erhaltung der Gattungen als für die Originali-
tät der Individuen sorgen kann.
Wunderbar erfaßten mich die mystischen Schauer
dieses Gedankens, als ich im Palast Durazzo die Por-
träts der schönen Genueserinnen sah und unter diesen
ein Bild, das in meiner Seele einen süßen Sturm er-
regte, wovon mir noch jetzt, wenn ich daran denke,
die Augenwimpern zittern - Es war das Bild der toten
Maria.
Der Aufseher der Galerie meinte zwar, das Bild
stelle eine Herzogin von Genua vor, und im ciceroni-
schen Tone setzte er hinzu: »Es ist gemalt von Gior-
gio Barbarelli da Castelfranco nel Trevigiano, ge-
nannt Giorgione, er war einer der größten Maler der
venezianischen Schule, wurde geboren im Jahr 1477
und starb im Jahr 1511.«
»Lassen Sie das gut sein, Signor Custode. Das Bild
ist gut getroffen, mag es immerhin ein paar Jahrhun-
derte im voraus gemalt sein, das ist kein Fehler.
Zeichnung richtig, Farbengebung vorzüglich, Falten-
wurf des Brustgewandes ganz vortrefflich. Haben Sie
doch die Güte, das Bild für einige Augenblicke von
der Wand herabzunehmen, ich will nur den Staub von
den Lippen abblasen und auch die Spinne, die in der
Ecke des Rahmens sitzt, fortscheuchen - Maria hatte
immer einen Abscheu vor Spinnen.«
»Eccellenza scheinen ein Kenner zu sein.«
»Daß ich nicht wüßte, Signor Custode. Ich habe
das Talent, bei manchen Bildern sehr gerührt zu wer-
den, und es wird mir dann etwas feucht in den Augen.
Aber was sehe ich! von wem ist das Porträt des Man-
nes im schwarzen Mantel, das dort hängt?«
»Es ist ebenfalls von Giorgione, ein Meisterstück.«
»Ich bitte Sie, Signor, haben Sie doch die Güte, es
ebenfalls von der Wand herabzunehmen und einen
Augenblick hier neben dem Spiegel zu halten, damit
ich vergleichen kann, ob ich dem Bilde ähnlich sehe.«
»Eccellenza sind nicht so blaß. Das Bild ist ein
Meisterstück von Giorgione; er war Rival des Tizi-
ano, wurde geboren im Jahr 1477 und starb im Jahr
1511.«
Lieber Leser, der Giorgione ist mir weit lieber als
der Tiziano, und ich bin ihm besonders Dank schul-
dig, daß er mir die Maria gemalt. Du wirst gewiß
ebensogut wie ich einsehen, daß Giorgione für mich
das Bild gemalt hat und nicht für irgendeinen alten
Genueser. Und es ist sehr gut getroffen, totschwei-
gend getroffen, es fehlt nicht einmal der Schmerz im
Auge, ein Schmerz, der mehr einem geträumten als
einem erlebten Leide galt und sehr schwer zu malen
war. Das ganze Bild ist wie hingeseufzt auf die Lein-
wand. Auch der Mann im schwarzen Mantel ist gut
gemalt, und die maliziös sentimentalen Lippen sind
gut getroffen, sprechend getroffen, als wollten sie
eben eine Geschichte erzählen - es ist die Geschichte
von dem Ritter, der seine Geliebte aus dem Tode auf-
küssen wollte, und als das Licht erlosch --
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